Sep 06, 2019

Was ich in Retroperspektive gerne vor meinem Studium gewusst hätte

Im Sommer 2017 immatrikulierte ich mich für mein Chemie-Studium an der Universität Regensburg, sodass ich zum Wintersemester 2017/2018 beginnen konnte. Bis dahin war es aber ein gewisser Weg, weil ich ja irgendwie zur Hochschule und zum Studienfach gefunden haben muss. Im Rückblick betrachtet, mit mehr Erfahrungen und mehr Wissen, hätte ich allerdings manche Dinge gerne vorher gewusst.
Demnach möchte ich mich in diesem Beitrag mit all jenem beschäftigen, was ich im eigentlichen Studium gerne früher gewusst hätte, vom ersten Semester bis zum Ende im vierten Semester.

Ich möchte an der Stelle erwähnen, dass für mich schon die Immatrikulation selbst spannend war. Ich bin die zweite Person, die im engeren Familienumfeld studiert. Meine Eltern sind keine Studierten, die Generation davor auch nicht. Die Geschichten, die ich bisher vom Studium kannte, kamen von einer Cousine, die sich mit Bürokratie, Verwaltung und Prüfungsamt rumschlagen musste. Somit war ich zwar schon vorgewarnt, aber eine wirkliche Idee, was wie funktioniert, hatte ich nicht und habe ich auch heute nur in kleinen Teilen.
Als ich mir zudem eine Universität und eine Stadt herausgesucht habe, wusste ich kaum, worauf ich akademisch Wert legen sollte. Prüfungsordnungen waren für mich schwer einzuordnen. Zu erkennen, welche Veranstaltungen wann genau stattfanden, auch.

Gerade, was die Prüfungsordnung angeht, hätte ich im Voraus gerne deutlich mehr gewusst oder eher gesagt aus dem System der Prüfungen und wann sie jeweils angeboten werden. Im Chemie-Studiengang in Regensburg habe ich von Anfang an aufgeschnappt, dass es eine schlechte Idee ist, Prüfungen zu schieben. Das war ein gänzlich neues System für mich. Ich habe dann irgendwann auch herausgefunden, dass Veranstaltungen nur jährlich angeboten werden, genau wie die dazugehörigen Prüfungen. Ich habe bereits von studierenden Menschen aus meinem Freundes- oder Bekanntenkreis mitbekommen, dass solche Prüfungen oftmals ein Semester später wieder stattfinden. Nein, passiert nicht. Das ist vielleicht schon daran ersichtlich, dass der Studiengang Chemie nur im Wintersemester begonnen werden kann, aber dieses Wissen habe ich jetzt. Das hatte ich zum damaligen Zeitpunkt nicht.
Jedenfalls führt dieses Phänomen der jährlich stattfindenden Prüfungen zu einem weiteren Problem in Verbindung mit der Prüfungsordnung. Denn wenn ich eine Prüfung ablegen möchte, dann muss ich mich zum ersten Versuch in diesem Semester (und damit auch Jahr) anmelden. Es gibt zwar auch einen Zweitversuch, aber dabei handelt es sich explizit um einen Wiederholungsversuch. Demnach sind dort nur Menschen, die beim Erstversuch durchgefallen sind (oder krank waren). Der Erstversuch ist meist am Ende der Vorlesungszeit, der Zweitversuch am Ende des Semesters, also kurz vor den neuen Vorlesungen im neuen Semester. Das kann dazu führen, dass, sobald ein Zweitversuch ansteht, sei es durch Durchfall oder Krankheit, die vorlesungsfreie Zeit nicht wirklich Urlaub ist. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass Zweitversuche im Schnitt mit einer solchen Regelung schwieriger sind als Erstversuche. An der Stelle ist es möglich, mit mehr Zeit zum Lernen zu argumentieren, aber in aller Regel hat es ja auch Gründe, aus denen Menschen eine Klausur nicht bestehen. Es gibt ja durchaus Lehrende, die mit Kommentaren wie "Also der Erstversuch wird bestehbar, für den Zweitversuch haben Sie ja mehr Zeit zum Lernen" auffallen und dafür ist dieses Klausurensystem natürlich super.
Zudem kann dann passieren, dass ein Drittversuch ansteht. Ein Drittversuch ist, mit Ausnahme in den Nebenfächern Physik und Mathe, immer ein mündlicher Drittversuch über das ganze Modul. Angenommen, in einen Modul sind zwei Klausuren in Organischer Chemie und eine in Anorganischer Chemie, dann kann ich mit all dem in einem Drittversuch landen, den ich auch erst antreten kann, wenn ich all diese Prüfungen entweder bestanden oder zweimal nicht bestanden habe.
Gleichzeitig existiert bei einer Regelstudienzeit von sechs Semestern eine Höchststudiendauer von acht Semestern. Im schlimmsten Falle stoße ich also schon an diese Grenze von acht Semestern, indem ich krank bin, nicht alles perfekt läuft, durch welche Gründe auch immer.

Zu diesem Problem der Einordnung der Prüfungsordnung kommen dann auch noch diverse Spezialitäten des Chemie-Studiums dazu. In diesem Studium ist es normal, Praktika zu haben. Das ist im Grunde genommen Laborarbeit. Dies ist entweder während der Vorlesungszeit am Nachmittag oder in der vorlesungsfreien Zeit. Eigentlich ist es für Außenstehende ohne Bekanntschaft mit Personen in einem höheren Semester nicht möglich, herauszufinden, wann welches Praktikum stattfindet. Es steht generell für das gesamte Semester im Stundenplan, während im Modulkatalog Angaben gemacht worden sind, für welches Semester dieses Praktikum empfohlen wird. Ob es während des Semesters oder der vorlesungsfreien Zeit stattfindet, keine Ahnung.
Inhaltlich hätte ich es ziemlich cool gefunden, wenn ich für Praktika gewisse Grundkenntnisse einfacher erhalten hätte. Im Grunde genommen ist noch nicht einmal das wichtig. Für solche Praktika ist es notwendig, Protokolle zu schreiben. Das ist etwas, was Studierende dadurch lernen, dass sie es tun und frustriert sind, wenn sie es nicht können. Das ist gewissermaßen ineffektiv. Es ist ehrlich gesagt auch nicht so einfach, sich das selbst so beizubringen, wie es erwünscht ist, weil es für Protokolle keine einheitliche Form gibt. Es gibt eine grobe Idee, wie der Aufbau sein kann, dazu gibt's sobar einen eigenen Wikipedia-Artikel. Aber auch das kann von Labor zu Labor unterschiedlich sein. Jede Person kann ja mal zum Spaß mit der Suchmaschine nach Wahl suchen, wie solche Protokolle aussehen. Das ist unglaublich schwierig, auf einen Nenner herunterzubrechen. Ich persönlich finde es eben ein bisschen hart, in der ersten Woche zu kommen mit "Ihr macht jetzt mal Praktikum, viel Spaß" und dabei nicht wirklich anzuleiten. Es ist mir schon klar, selbstverantworliches Lernen, aber wenn ich noch nicht einmal weiß, woher ich die notwendigen Informationen bekomme und zwangsläufig scheitern werde, bis ich in der Fachschaft die hoffentlich vorhandenen Altprotokolle finde, dann kann das doch nicht effizient sein.

Ein weiterer Punkt, über den ich gerne vorher etwas gewusst hätte, ist die Erlangung des Bachelorabschlusses. Es hat sich zu meinem damaligen Ich bereits rumgesprochen, dass eine Bachelor-Arbeit existiert, gleichzeitig gibt es in Regensburg noch mündliche Bachelor-Prüfungen, die mich zwar jetzt nicht betreffen, aber gedanklich einen gewissen Druck auf mich ausgeübt haben.
Das Studium der Chemie, wie ich es kennengelernt habe, ist im Übrigen sehr verschult. Es gibt genau einmal die Möglichkeit, selbst etwas zu wählen, was die Module angeht. Das ist zwischen dem 5. und 6. Semester ein Wahlpflichtfach. Alle anderen Schwerpunkte können schließlich im Master-Studium gesetzt werden. Es ist theoretisch auch noch möglich, mit der Bachelor-Arbeit einen Schwerpunkt zu setzen, aber das kommt erst gegen Ende des Bachelors. Insofern gibt es vergleichsweise viele Veranstaltungen, die nach einem Stundenplan ablaufen, die kaum irgendwie flexibel sind, während natürlich alle weiteren "Nachteile" des selbstverantworlichen Studierens zuschlagen.

Ansonsten könnt ihr euch an der Stelle einen allgemeinen Hinweis vorstellen, der im Grunde genommen uneinheitliche Strukturen für Informationen thematisiert, beispielsweise Lehrende, die statt des eigentlich universellen Systems zum Hochladen von Lehrinhalten lieber ihre eigene Webseite verwenden.
All das ist nicht unbedingt vermeidbar, aber ich hätte mich vermutlich anders darauf einstellen können, wenn ich es vorher gewusst hätte. Mittlerweile lege ich auf Faktoren wie Prüfungszeiträume wert, denn an manchen Hochschulen ist es zum Beispiel sogar möglich, sich für Prüfungen anzumelden und am Tag selbst zu entscheiden, ob die Prüfung geschrieben werden soll oder nicht, ohne einen Fehlversuch. Im Nachhinein bin ich eben schlauer.

Aug 26, 2019

Talks

Ich habe zu diversen Gelegenheiten unter anderem im CCC-Umfeld Talks bzw. Vorträge halten dürfen. Hier befindet sich eine Übersicht mit Vortragsmaterialien und einer Verlinkung zu media.ccc.de, eine Seite, auf der die verschiedenen Aufzeichnungen zu finden sind.

Was ihr schon immer (nicht) über Sprengstoffe wissen wolltet (MRMCD 2018)

Sprengstoff war und ist ein aktuelles Thema in der Community, zu dem ein wenig Hintergrundwissen nicht schaden kann. Insofern ist eine chemische Betrachtung der Thematik mit Wissenschaft (Science!) ganz hilfreich.

In Zeiten, in denen simple chemischen Formeln (H2O2!, CO2!, NaHCO3!) schon eine gewisse Bedrohlichkeit, Angst und in Kombination mit Modellen aus einem 3D-Drucker zu dem Verdacht führen, eine Sprengstoffexplosion herbeizuführen, sind chemisches Hintergrundwissen und faktenbasierte Informationen darüber, was hinter diesen ominösen Stoffen steckt, rar gesät. Was sind Sprengstoffe eigentlich? Ist alles, was theoretisch explodieren kann, nur dafür da, dass es explodiert? Welchen Nutzen hat Sprengstoff überhaupt? Kann Sprengstoff schon direkt aus dem 3D-Drucker gedruckt werden? Und schließlich,und besonders umstritten: Wie gefährlich sind Modelle einer Atombombe und kann damit wirklich eine Sprengstoffexplosion oder gar ein Atomangriff herbeigeführt werden? Alles, was Menschen jemals über Sprengstoff wissen oder nicht wissen wollten, vereint in einem kleinen Talk, der keine Garantie auf Vollständigkeit erhebt, dafür aber versucht, einen groben, chemischen Überblick über das Thema zu geben.

Ernährungsmythen - Eine chemische Reise durch die menschliche Nahrungsaufnahme (GPN 19)

Mythen zum das Thema Ernährung und Zubereitung von Nahrung kursieren immer mal wieder in unserem alltäglichen Leben umher. Von der Zerstörung der Vitamine durch die Strahlung der Mikrowelle bis zu manchen Lebensmitteln als Heilsbringer oder Todesurteil ist das Thema Zubereitung von Nahrung, Nahrungsaufnahme und Verdauung mit vielen Weisheiten, aber wenig Fakten behaftet. Daher wird es in diesem Talk um ein paar Ernährungsmythen und den dazu passenden chemisch- physikalischen Hintergrund gehen. Ist Kokosöl wirklich das reine Gift? Ist die Mate direkt nach dem Aufstehen zum Frühstück wirklich sinnvoll? Und wie kann ich überhaupt Ernährungsmythen überprüfen?

Was ihr schon immer (nicht) über Koffein wissen wolltet (CCCamp19)

Koffein als Substanz wird Tag für Tag aufgrund seiner anregenden Wirkung von vielen Menschen konsumiert, doch was genau steckt eigentlich hinter dieser Substanz? In diesem Talk blicken wir in die Chemie, Herkunft, Wirkung, Gefahren und weitere Aspekte des Koffeins.

Koffein, ein Stoff, den viele (hackende) Menschen tagtäglich in unterschiedlichen Formen konsumieren. Was genau ist diese Substanz eigentlich und wo kommt sie überall vor? Was passiert mit Koffein und mit uns, wenn dieses Molekül durch unseren Körper reist? Und kann Koffein ab einer bestimmten Menge gefährlich werden? Diese und weitere Fragen werden zusammen mit vielem, was Wissenswertes zur Chemie von Koffein existiert, hier thematisiert.

Aug 04, 2019

Welches Pronomen passt zu mir?

Pronomen, ein Thema, das uns allen erstaunlicherweise wohl tagtäglich im Alltag begegnet und doch meistens erst in queeren Bereichen überhaupt Aufmerksamkeit bekommt. Als Person, die sich auch in queeren Räumen bewegt, ist daher die Frage nach Pronomen alles andere als ungewöhnlich. Bisher habe ich die Frage nach meinen Pronomen immer mit einem "she" beziehungsweise "sie" beantwortet, aber ehrlich gesagt habe ich mir darüber kaum bis nie Gedanken gemacht, weil es für mich einfach vollkommen gewohnt war.

Vor kurzem begann ich also, mir Gedanken zu machen, was mein Pronomen angeht. Ich bin weiblich und identifiziere mich mit dem Geschlecht, welches mir bei der Geburt zugeordnet wurde, also bin ich cis weiblich. Abgesehen von Klischees finde ich ehrlich gesagt die Frage, welches Geschlecht ich habe, gar nicht so einfach zu beantworten. Wenn am Ende nur noch das Gefühl für das eigene Geschlecht steht, keine körperlichen Ausprägungen, keine von der Gesellschaft zu einem bestimmten Geschlecht zugeordneten Verhaltensweisen, sondern nur das eigene Geschlechtsgefühl, dann ist das erst einmal einiges an Balast, den ich mitbringe und von dem ich mich befreien muss.
Aber nach all dem fühle ich mich weiblich. Ich mag meinen Namen, ich habe keine Dysphorie gegenüber meines Körpers oder habe ein Problem damit, wenn meine Umgebung mich als weiblich wahrnimmt. Ich weiß, dass das alles nicht nötig ist, um nicht cis zu sein. Es gibt Menschen, die sind trans, stimmen also nicht mit dem Geschlecht überein, dass ihnen bei der Geburt zugeordnet wurden, die keine Dysphorie erleben. Das ist okay, das macht sie nicht weniger trans.
Ich würde mich auch nicht als nicht-binär bezeichnen, einfach, weil mein Geschlecht ins binäre System passt. Insofern sollte die Frage nach Pronomen relativ klar sein. Oder?

Ich habe bemerkt, dass ich mich auch mit "they" wohlfühle. Dieses Pronomen hat sich insbesondere im englischsprachigen Raum als genderneutrales Pronomen verbreitet und wird von vielen nicht-binären Personen verwendet. Warum ich mich damit wohlfühle? Ich schätze, weil es für mich vollkommen in Ordnung ist oder sogar wünschenswert, geschlechtsneutral angesprochen zu werden, auch, wenn ich nicht geschlechtsneutral bin oder ein "neutrales" Geschlecht habe. Es kann so vieles enthalten und macht gleichzeitig darauf aufmerksam, dass es nicht nur binäre Geschlechter gibt, sondern so viel mehr. Ich versuche in letzter Zeit, generell mehr geschlechtsneutrale Sprache zu verwenden, gewöhne mich an bestimmte Formen des Genders, warum also sollte ich mich also nicht dabei wohlfühlen, mich selbst mit einem geschlechtsneutralen Pronomen wie "they" zu bezeichnen?
In meinem Schwedisch-Kurs im letzten Semester ist mir natürlich auch nicht entgangen, dass es ein schwedisches, geschlechtsneutrales Pronomen gibt, nämlich "hen", was verwendet werdenkann, wenn das Gesclecht einer Person nicht-binär oder schlicht unbekannt ist.
Im Deutschen existiert eine Vielzahl an Neopronomen, beispielsweise zu finden im nicht-binäre Wiki. Zwar existiert auch im Deutschen das Pronomen es, aber auch dieses wird im nicht-binären Wiki beschrieben und ist mir persönlich auf einer gewissen Ebene zu abwertend.

Was genau ist nun das Problem? Pronomen wie "they" werden meistens von Menschen genutzt, deren Geschlecht nicht-binär ist. Meines hingegen ist ziemlich binär. Ich möchte nicht-binären Menschen nichts wegnehmen. Besonders ein Satz ist mir in dieser Diskussion aber im Gedächtnis geblieben: Es gibt keine bestimmte Anzahl an Pronomen. Das stimmt. Wenn ich signalisiere, dass ich mich (auch) mit "they" wohlfühle, dann gibt es keinen globalen Counter, der eins von "they" abzieht und damit dieses Pronomen in seiner gesamten, nutzbaren Anzahl verkleinert. Pronomen sind nicht dadurch beschränkt, dass nur eine Maximalanzahl an Personen sie verwenden kann und ab einem bestimmten Punkt niemand mehr.
Mir ist bewusst, dass ich eine gewisse Verwechselungsgefahr hervorrufe, wenn ich das Pronomen "they" verwenden möchte. Da ich aber auch immer wieder in queeren Räumen nach meinem Pronomen gefragt werde, ist es dabei alles andere als merkwürdig, (auf Nachfrage) zu erklären, dass ich mich mit einem geschlechtsneutralen Pronomen wohlfühle und was mein Geschlecht ist.

Gleichzeitig hoffe ich, auch mit diesem Beitrag hier zum Beispiel, Menschen zum Nachdenken über ihre Pronomen zu bringen, denn das Thema Geschlecht wird ziemlich komplex, wenn gewisse "Selbstverständlichkeiten" wie das eigene Pronomen einfach mal hinterfragt werden.
Insofern: Hallo, ich bin Lea, ich bin weiblich und meine Pronomen sind sie und they.

Jul 24, 2019

Wie ich in meinem Studium Excel (fast) vollständig boykottiere

Ich habe in einem Beitrag bereits über meine Arbeitsweise mit LaTeX geschrieben und nachdem ich vor kurzem ein Bild gepostet habe, laut dem die Excel-Übungen für Chemie-Studierende wieder angefangen haben, dachte ich mir, dass es vielleicht ganz cool zu wissen ist, wie ich mich erfolgreich vor Excel schütze, leider mit einer Ausnahme.

Ich war noch nie das große Microsoft-Kind. In meiner Kindheit und Jugend war es höchstens Windows, mit dem ich intensiveren Kontakt als Betriebssystem hatte, aber auch das ist irgendwann einem macOS gewichen. Das Office-Paket lief nie auf einem meiner System, sondern höchstens auf dem in der Schule, wobei das jetzt wohl der Vergangenheit angehört, denn Schulen dürfen Office 365 nicht mehr verwenden, was ich als grundsätzlich positive Entwicklung betrachte.
Ja, natürlich ist es an der Stelle möglich, darüber zu debattieren, dass ein großer Teil der Berufswelt das Office-Paket nutzt. Ich hoffe an der Stelle aber, dass die Alternativen prominenter werden. LibreOffice, LaTeX, entdeckt was Neues, findet was, ermöglicht einen Einblick. Klar könnte ich auch sagen, dass ich es immerhin ohne das Office-Paket in ein Studium geschafft habe, aber nicht jede Person hat meine Voraussetzungen und vielleicht die Motivation, sich gegen Microsoft Office zu wehren, weil die Prioritäten vielleicht woanders liegen. Das ist okay. Aber genau wegen so was schreibe ich diesen Beitrag ja, um mitzuteilen, wie ich da drum rum gekommen bin.

Auswertung von Messdaten wird irgendwann in der Chemie wichtig, hier in Regensburg spätestens mit dem dritten Semester, weil wir ab dann endlich keine Protokolle mehr handschriftlich abgeben müssen. Ansonsten gab es noch die Auswertung von Hand, wobei die Datenmengen nicht so groß waren, dass dies unmöglich wird. Aber irgendwann kommen solche schönen Auswertungswerkzeuge wie Ausgleichsgeraden oder andere Graphen basierend auf den Messdaten dazu, so was wie Konzentrationsverläufe zum Beispiel. Wir schubsen im Grunde genommen Messdaten durch die Gegend und für viele ist es nun einmal die einfachste Art und Weise der Auswertung mit Excel, was nicht zuletzt daran liegt, dass für Chemie-Studierende extra Excel-Kurse im zweiten Semester angeboten werden. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht so wirklich sicher, ob es sich dabei um die "symbolische Programmiersprache" handelt, die in unserem Stundenplan für das dritte Semester mit unten dabei steht oder ob das der Maple-Kurs sein soll. Denn wir hatten auch mit Maple Kontakt und damit sind auch gewisse Formen der Auswertung möglich. Nur bestand der Maple-Kurs darin, dass eine verantwortliche Person anwesend war und wir Fragen stellen konnten, aber wirkliche Syntax oder so was erklären war da nicht dabei. Quasi ein Kurs, in dem wir uns selbst Maple beibringen durften und statt Stackoverflow oder ähnlichen Seiten eine Person vor uns hatten. Das ist nicht unbedingt, das Bild, das ich von einem Kurs habe. Aber das führte dann dazu, dass Maple als potentielle Methode in den Hintergrund geraten ist.
Gleichzeitig gab es im zweiten Semester ein Physik-Praktikum und dort wurde beim Auswerten vor Ort unter anderem auf Qtiplot, was bis zu einer bestimmten Version auch Open Source ist. Die Software, die dazu recht ähnlich ist und niemals Open Source war, ist Origin. Dieses Tool läuft bedauerlicherweise sowieso nur unter Windows, ist für mich also aus mehreren Gründen keine Option. Ansonsten gibt es in diesem Bereich unglaublich viele Tools zur Auswertung von Daten. Sei es LabPlot, SciDAVis, Gnuplot, Scilab, Python mit matplotlib, ich glaube, es existiert eine gewisse Auswahl, je nach Richtung, in die gegangen werden will. Jedenfalls wurde mir dort auch von einem Betreuer Qtiplot empfohlen und so habe ich mir das statt Excel genauer angeschaut.

Im dritten Semester lernte ich dann auch aufgrund einer Python-Kurses mit dieser Programmiersprache umzugehen und entdeckte matplotlib, wobei ich gerade sowieso einen stärkeren Blick auf Datenanalyse mit Python werfe, aber für alles, was ich getan habe, war Qtiplot vollkommen ausreichend. Dazu kommt, dass es einen LaTeX-Output hat. Ich beschäftige mich seit meinem zweiten Semester mit LaTeX und nachdem die Protokolle im 3. Semester endlich nicht mehr handschriftlich gemacht werden mussten, war das sehr praktisch. Das hat soweit auch gut funktioniert, auf diese Art und Weise Excel auszuweichen, immerhin bin ich mit LaTeX auch Word sehr gut entkommen und beobachtete gelegentlich die Formatierungsprobleme meiner Mitstudierenden mit dem Microsoft Office-Paket.

Das ging auch bis auf eine Ausnahme sehr gut. Irgendwann stand der Versuch in der Radioanalytik an. Meine Partnerin aus dem Praktikum in der physikalischen Chemie hat das in der Analytik nicht mitgemacht. Die erste Aussage des zuständigen Betreuers war, dass ich dann doch das Praktikum alleine machen soll. Das fand ich ehrlich gesagt schon problematisch, weil das Praktikum eigentlich darauf ausgelegt ist, das zu zweit zu machen und die entsprechenden ECTS ja auch so berechnet sind. Letztlich ist es darauf hinaus gelaufen, dass ich im Laufe des Praktikums selbst einen Partner bekam, der bisher alleine war, aber weil nicht jede Person zu jeder Zeit gleichzeitig denselben Versuch hat, hatte er Versuche gemacht, die ich noch nicht gemacht habe und umgekehrt. Ich hatte dann die Ehre, mich um all die Termine zu kümmern und die zu organisieren, die ich noch nicht hatte und hatte dann irgendwann gegen Ende des Praktikums meine beiden Versuche in der Radioanalytik. Bei einem Versuch war ich alleine mit dem zuständigen Verantwortlichen für die Radioanalytik, beim zweiten Versuch war ein anderer Studierender da, der mit mir den Versuch parallel machte.
Ich hatte meinen eigenen Laptop nicht dabei. Ich habe mit (schwach) radioaktiven Substanzen gearbeitet und als wären normale Labore nicht schon irgendwie gefährlich genug für Laptops, wenn sie nicht gerade in Sicherheit gelegt werden, wollte ich auf jeden Fall der Gefahr entgehen, meinen Laptop irgendwie zu kontaminieren. Allerdings hatte ich meinen USB-Stick dabei, um mir die benötigten Daten dann mitzunehmen. Tja, der Verantwortliche der Radioanalytik bestand darauf, dass ich direkt mit der Datenauswertung beginne und auf den dortigen Computern war natürlich nur Excel installiert. Also habe ich mich dadurch gequält und weil ich ehrlich gesagt ziemlich wenig Lust hatte, mir selbst alles zusammenzusuchen, habe ich auch nachgefragt, wie was geht. Ich erntete ein ungläubiges Gesicht, vermutlich, weil ich nicht mit Excel umgehen konnte. Daraus entwickelte sich auch ein kleiner Dialog: "Wissen Sie, Excel ist in der Chemie praktisch bis notwendig." - "Ich nutze kein Excel." - "Das sollten Sie sich aber wirklich überlegen." - "Ich kann Python und arbeite mit Qtiplot." - "Excel kann aber große Datenmengen verarbeiten." - "Python ist eine Programmiersprache. Damit kann ich auch sehr große Datenmengen verarbeiten." - "Oh, okay."
Letztlich quälte ich mich also viel zu lange mit irgendwelchen Auswertungen rum, nur um sie später in deutlich kürzerer Zeit nochmal selbst auf meinem Laptop zu machen, nachdem ich mir die Rohdaten mitgenommen habe. Ich glaube ehrlich gesagt, nach dieser Erfahrung würde ich in diesem Labor ne Python- und Qtiplot-Installation auf einem USB-Stick mitnehmen und wenn das nicht okay ist, das auf den Windows-Computern (ich habe übrigens verdrängt, ob es was Aktuelles oder das standardmäßie XP war) zu installieren, wäre ein zweiter USB-Stick, um von einem Linux-System aus zu booten, bestimmt eine Idee. Beim Protokoll bekam ich dann zu meinem Graphen (Qtiplot in LaTeX importiert) ein "Das ist nicht Excel, aber es sieht auch gut aus!" zu hören.
Was mir diese Erfahrung jedensfalls gezeigt hat, ist, dass Excel, Word und Microsoft Office viel zu wenig hinterfragt werden, Alternativen sehr kritisch beäugt werden und performen müssen, bevor jemand glaubt, dass es eine tatsächliche Alternative sein kann. Gerade im Bereich der Chemie sehe ich aus meiner persönlichen Erfahrung noch eine gewisse Skepsis zu Alternativen, die von ein paar IT-affineren Menschen aufgebrochen wird.

Insgesamt ist Excel also alles andere als ein Muss, wenn der Wille zur Suche nach Alternativen da ist. Es gibt viel zu lernen, viel anzuschauen, viel zu nutzen, um Auswertungen durchzuführen. Ich behaupte an der Stelle, dass Excel (und ganz Microsoft Office) nicht für jede Person das Ideal ist. Alternativen sind wichtig, auch zur Weiterentwicklung.

Jul 10, 2019

Straßenblockade in der Regensburger Altstadt mit Fridays For Future

Es war wieder eine Fridays For Future-Demonstration in Regensburg, dieses Mal am 5. Juli, die durchaus groß war. Diese Demonstration macht allerdings besonders, dass sie aus mehreren, einzelnen Demonstrationen bestand und den Verkehr im Bereich der Innenstadt und Altstadt weitgehend lahm legte. Wenn der Beginn zwischen den beiden Hochschulen, bei dem die Studierenden in die Stadt gegangen sind, angenommen wird, ist es um 14 Uhr losgegangen und um 22 Uhr geendet. 8 Stunden Demonstration sind durchaus viel und ich war auch nicht die ganze Zeit da. Ich war nämlich Ordnerin bei einer der gesperrten Straßen, wobei ein paar hundert Meter hinter der Einfahrt in die Straße schon die geplante Menschenkette war.

Das sind so die groben Umstände gewesen. Die Demonstration war schon lange vor besagtem Freitag, 5. Juli, in Planung. Dazu gibt's beispielsweise den Artikel "Fridays for Future" will Verker lähmen der Mittelbayerischen. Es sah auch eine Weile so aus, als wäre es möglich, die Demonstration wie geplant durchführen zu können.
Dooferweise wollte das Ordnungsamt dann erst am Mittwoch oder Donnerstag vor der Demonstration entscheiden, ob das so stattfinden darf. Dem voraus ging ein offener Brief der Regensburger Kaufleute und der Hotels in Regensburg. Darin geht es unter anderem um die Sorge der Gewinneinbußen, also doof für die Wirtschaft. Vereinfacht gesagt kommt mir Umwelt gegen Wirtschaft bekannt vor, auch, wenn es hierbei nicht um beispielsweise die Abschaltung von Kohlekraftwerken vs. Arbeitsplätze dort geht. Aber auch so Thematiken wie Anfahrt der Mitarbeitenden oder von Hotelgästen werden genannt, wobei es in meinen Augen kein Ding der Unmöglichkeit ist, innerhalb dieser zwei Stunden außerhalb zu parken. Interessanterweise wird auch das Bürgerfest kritisiert, aber dazu komme ich gleich noch. Kurz will ich aber noch darauf eingehen: "Wir bitten Sie, die Stadtführung, dringend, uns von dem Makel zu befreien, die Demohauptstadt Bayern zu sein."
Dabei schwingt so vieles mit, was mir übel aufstößt. Zum einen ist Regensburg definitiv keine Demohauptstadt. In beispielsweise München wird deutlich häufiger demonstriert. Zum anderen ist es kein Makel, wenn Menschen demonstrieren und dadurch ihre Meinung ausdrücken. Das ist ein fundamentales Grundrecht. Ich finde diesen Brief somit im Gesamten doch recht hart.

Kommen wir also noch kurz zum Bürgerfest. Ja, es hat zeitlich am Wochenende davor stattgefunden. Aber im Gegensatz zur Fridays For Future-Demonstrationen waren hier große Teile der Altstadt nicht für zwei Stunden mit dem Auto unbefahrbar, sondern für drei Tage. Dazu hat es offenbar keinen offenen Brief gegeben. An der Stelle möchte ich dem Bürgerfest nicht seine Berechtigung absprechen, aber ich lehne mich vermutlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, beim Bürgerfest handelt es sich tendenziell um eine Veranstaltung, bei der konsumiert und eingekauft wird. Dass das auf die lokalen Läden in der Altstadt übergeht, ist verständlich. Eine Fridays For Future-Demonstration ist nicht konsumierend. Es ist vermutlich deutlich unwahrscheinlicher, dass Demonstrierende zwischendurch noch shoppen gehen wollen.

Aber kommen wir mal zur Demonstration selbst. Im Vorfeld wusste ich bereits, dass Regensburg Repartiert dabei sein wird und dass Hackers For Future die Demonstration unterstützt, sodass ich in deren Ecke dabei war und letztlich die Straße mit gesperrt habe.
Bei dieser Straßensperre ist es nicht so, dass wir Rettungsdienste oder Menschen mit Behinderungen aufgehalten haben, sondern Menschen, die in diese Zone hineinfahren wollten, weil sie beispielsweise in der Stadt einkaufen wollen oder so was und wurde zu Beginn der Menschenkette auch noch mal strenger gehandhabt beispielsweise in Bezug auf Anwohnende, weil etwa geschätzte 300 Meter hinter der Kreuzung die Menschenkette stattfand.
Interessanterweise waren die Menschen in Autos, mit denen ich gesprochen habe, in den seltensten Fällen informiert. In meinen Augen hatte die Stadt die Verantwortung, zumindest Anwohnenden Bescheid zu geben, dass es zu Straßensperren kommen könnte, genauso wie Hotels ihren Gästen diese Problematik kommunizieren sollten.
Jedenfalls gab es einige Menschen, die nicht informiert waren, die aus verschiedensten Gründen in die Stadt hinein wollten. Eine Teilmenge dieser Menschen hat uns Ordnenden nicht geglaubt und hat dies mit der Polizei ausdiskutiert, wobei es sich dabei ausschließlich um Fahrer (ja, nur Männer) mit SUV oder teuren Autos gehandelt hat. Ich kann durchaus verstehen, wütend zu sein, gerade, wenn jemand es nicht mitbekommen hat. Aber in den allermeisten Fällen wäre es möglich gewesen, in einer Seitenstraße vor der Blockade zu parken und den Rest des Weges zu Fuß zu bewältigen.
Tatsächlich bin ich der Meinung, dass solch eine Demonstration auch irgendwo weh tun muss, um auf das Thema aufmerksam zu machen, denn die Folgen des Klimawandels werden deutlich mehr weh tun als zwei Stunden lang nicht in eine Innenstadt fahren zu können. Hätte ich mehr Zeit, fände ich es sogar spannend, das jede Woche so zu machen.
Ich meine, die Idee, das Auto mehrere Stunden oder einen Tag lang stehen zu lassen ist nicht so neu. Das gab es bereits 1973 während der Ölkrise und ich war damals im Politikunterricht sehr erstaunt, als meine Lehrerin davon erzählt hat. Insgesamt gab es vier autofreie Sonntag als Sparmaßnahme und ich fände es ehrlich gesagt spannend, das mal zu erleben und nicht nur aus Erzählungen zu kennen, weil ich ein bisschen zu jung bin, um die autofreien Sonntage zur Ölkrise mitbekommen zu haben. Leider ging es da auch eher um Wirtschaft statt um Umwelt. Aber früher war das Auto stehen zu lassen auch was, warum also nicht knapp 50 Jahre später im Namen der Umwelt?

Aber noch kurz zurück zur Demonstration, es war toll, danke, an alle Menschen, die dort waren und es war vermutlich auch nicht die letzte Demonstration von Fridays for Future und ich freue mich auf weitere Aktionen solcher Art.

Jun 22, 2019

the code is documentation enough - oder?

Kommentare im Code, das ist für sehr viele Menschen, die schon einmal ein paar Zeilen in der Hand hatten, nicht unbedingt etwas Neues. Ich als fortgeschrittene Anfängerin, wie ich mich selbst in diesem Sinne einfach mal bezeichnen möchte, habe auch relativ früh begonnen, damit Bekanntschaft zu machen. Daher will ich darüber schreiben, wie mein Verhältnis zu Codekommentaren war, ist und vielleicht auch sein wird.
Tatsächlich bin ich nämlich nicht der Meinung, dass Code pauschal selbsterklärend ist. Ich höre in diesem Bereich oft "the code is documentation enough" und als jemand, der mittlerweile weiß, wie viele Gedanken hinter fünf Zeilen stehen können, möchte ich eigentlich dazu motiviert werden, diese Gedanken auch nachzuvollziehen, sehr gerne auch, wenn es sich dabei um meine eigenen, vergangenen Gedanken handelt.

Beginnen wir erst einmal bei meinen Erfahrungen mit Programmierung. Im Informatik-Unterricht hatte ich als Sprache Delphi/Object Pascal und habe da meine ersten Erfahrungen gemacht, die ich aber gerne als 0. Erfahrungen bezeichne. Wir sind im Endeffekt nicht über Schleifen hinausgekommen und vieles war auch (teilweise mit Bugs behafteten) Code vom Buch abschreiben und im Programm schauen, was passiert. Irgendwann fand ich es total toll, die Farbe meines Programms zu ändern und so hatte bald alles, was ich programmierte, einen Dark Mode. Ich habe den Dark Mode also vor macOS implementiert. Aber viel mit Code-Kommentaren war da nicht. Ich weiß nicht mehr viel von Delphi, erst recht nicht, wie ich Kommentare schreibe. Zugegeben, das war auch nicht unbedingt nötig. Dass wir in unsere Schleifen lieber ein break-Statement packten, wussten wir aufgrund Endlosschleifen und Versuchen mit einem Task-Manager, die loszuwerden, auch. Keine Kommentare, keine Dokumentation, im Zweifelsfall stand eh alles Notwendige im Buch.

Dann belegte ich vor einem knappen Dreiviertel-Jahr einen Python-Kurs an der Uni. Im Zweifelsfall etwas auszukommentieren kannte ich bereits von LaTeX und war für mich ein bekanntes Verfahren, um den Bereich eines Fehlers einzuschränken. In Python war das sogar noch einfacher als in LaTeX.
Irgendwann verwendete ich dann Code-Kommentare als wirkliche Dokumentation, aber nicht für mich, sondern eher, damit andere Menschen meine Abgaben verstehen. Eigentlich war es nämlich so, dass wir unsere Lösungen in der Übung einem der Übungsgruppenleiter vorstellten. Allerdings hatte ich da zu Anfang wenig, zu Ende immer mehr Praktikumstage am Tag der Übung. Also konnte ich niemandem mehr erklären, was ich tue, und musste Code-Kommentare schreiben, damit die Menschen, die später meinen Code sehen, verstehen, was ich tue und was ich sonst erklärt hatte. Das waren dann in der Regel solche Dinge wie "plot for all functions" oder "dictionary for all ingredients of pizza", also eigentlich etwas, was selbsterklärend ist. Das sind vermutlich die Gründe, aus denen auch solche Memes entstehen wie "99% of all code comments" und wir haben ein Bild einer Katze, auf der "cat" steht. Etwa so:

Code-Kommentare als Beschreibung "Cat" mit einer Katze

Allerdings hat Code von mir eine weitere Eigenschaft. Meine Namen von Variablen, Klassen, Funktionen und so ziemlich allem ist nicht unbedingt aussagekräftig. Ich werde ganz gerne mal kreativ und finde mich lustig. Das hat zur Folge, dass in einem Programm, in dem irgendwas mit \(\pi\) passiert, das von mir geschrieben wurde, überdurchschnittlich oft die Wörter "pie", "lie" und "cake" vorkommen. Ich habe auch mal ein Programm zum Üben von Vokabeln geschrieben und es Voq genannt. Hätte ich allen Funktionen und Klassen irgendwas Klingonisches zugeordnet, wäre es ohne erklärende Kommentare schwierig geworden. Bei einem Programm, das mit der Brownschen Molekularbewegung zu tun hat, taucht überdurchschnittlich das Wort "Brownie" auf. Genauso würde in einem Programm zur Caesar-Verschlüsselung überdurchschnittlich oft das Wort "Salad" vorkommen. Ich mag Wortspiele, solche Situationen erheitern mich. Ich bin die Person, die so was wie "char izard", "char mander" oder "int entionally" schreibt. Code darf und soll für mich irgendwo auch kreativ sein und Spaß machen. Deswegen sagte jemand auch mal in meiner Gegenwart "Manche Menschen nennen es "main", andere Menschen nennen diese Funktion "doallthestuff"". Das ist dann auch tatsächlich eher privater Code.
Wenn ich diesen Code allerdings drei Wochen später anfasse und ich nicht weiß, wofür meine Cakes, Pies, Klingons, Brownies, Salads und Charmanders da sind und was sie eigentlich tun, ich also erstmal im besten Fall herausfinde, was ich warum getan habe, im schlechtesten Fall alles schließe, ist das nicht so erstrebenswert. Deswegen begann ich vor einiger Zeit, für mich, Code-Kommentare nicht mehr als offensichtlich zu gestalten.

Mittlerweile schreibe ich mir da Erklärungen wie "Information in dictionary is splitted in key -> value, value is a tuple, but user check is for all" rein, also beispielsweise Informationen, wie etwas gespeichert ist. Ich hatte auch mal einen Aufruf eines Strings mit randomdictionary[0][1][1][1]. Wenn ich also Listen in Listen und Dictionaries habe, dann ist es vielleicht auch nicht die beste Idee, diese Art der Speicherung zu wählen. Aber was will ich denn auch großartig machen, wenn ich ein Dictionary in einer .txt speichern soll, nee? Bitte widersteht an der Stelle der Versuchung, mir in einem sozialen Netzwerk eurer Wahl zu schreiben, wie ich das anders und "besser" machen soll, danke schön. Aber in solchen Fällen habe ich ein Problem, wenn ich nicht irgendwie dokumentiere, was genau ich warum tue.
Seit kurzem versuche ich mich an kleineren Dingen mit SQLite. Meine bisherigen Berührungspunkte mit SQL sind gering. Somit ist quasi für mich sehr vieles neu, sehr vieles ungewohnt, sehr vieles auf den ersten Blick nicht ganz so verständlich und das ist total in Ordnung. Also schreibe ich mir in meinen Code, was ich genau warum tue, was was tut, warum ich genau dieses Konzept gewählt habe oder wählen musste. Es sind quasi "Nice to have"-Informationen. Glücklicherweise weiß ich auch gleichzeitig, wie ich denke und welche Informationen mir persönlich weiterhelfen.

Seitdem habe ich tatsächlich auch wieder eine Programmieraufgabe abgegeben. Wenn ich weiß, welche Person das liest und wie meine Erkärungen sonst so sind, kommt da auch mal was wie "if (n > depth) { // I don't want to kill my RAM with endless recursion" raus. Einfach, weil ich mir sicher bin, dass das in diesem Moment vollkommen in Ordnung ist. Abgesehen davon ist es für mich auch irgendwie lustig und wenn ich schon im Code selbst lustig bin, dann kann ich das auch in den Kommentaren sein, wenn ich das möchte. Es kommt immer ein wenig darauf an, wer das lesen und verstehen soll. In erster Linie bin das ich. Wenn ich meinen Code mit anderen Menschen teile, weil sie zum Beispiel meinen Code im Rahmen von einem Kurs bewerten, dann ist das entweder mündlich oder ich weiß grob, wie ich es diesen Menschen erklären würde und kippe es so in die Kommentare.

Was ich sehr schade finde, ist, dass bisher kein Programmierkurs mich darauf hingewiesen hat, wie wichtig Code-Kommentare sein können und dass diese Art der Dokumentation oftmals hinten runter fällt. Klar, Programmieraufgaben, die man wöchentlich meistens in einem durch programmiert, brauchen nicht unbedingt Kommentare, weil das, was getan wurde, zeitlich noch sehr frisch ist. Ich habe in einem Kurs gelernt, dass es in Python offenbar ganz cool ist, dass Kommentare in einer eigenen Zeile stehen.
Von Tools wie Doxygen hörte oder eher las ich erst im Buch "C im 21. Jahrhundert". Ich kann verstehen, dass das nicht unbedingt in (Anfänger-)Kursen behandelt wird. Das würde ich durchaus auch als weiter fortgeschritten bezeichnen. Aber wie schreibe ich gute Codekommentare? Wie vermeide ich es, eine Funktion "cat" zu schreiben und den Kommentar dazu "cute cat" zu nennen? Denn eigentlich ist der Code nicht Dokumentation genug, gerade für Menschen, die noch neu in dieser Welt sind. Dokumentation kann Erklärung und Vereinfachung sein und ist somit für mich ein mächtiges Tool, um meinem Kopf auf die Sprünge zu helfen, meine eigenen Gedanken zu rekonstruieren.

Jun 14, 2019

Eine überdimensionale, aufblasbare Katze, ein Chaos-Event, eine Digitalstrategie und... die FDP

Dieser Beitrag ist vermutlich etwas merkwürdig, denn er handelt zunächst einmal von einer überdimensionalen, aufblasbaren Katze. Fangen wir mal andersrum an. Ich war auf einem Chaos-Event, der Gulaschprogrammiernacht, und es war wie zu erwarten toll. Die Gulaschprogrammiernacht findet jährlich in Karlsruhe dank des dortigen Hackspaces Entropia statt. Vor dem Veranstaltungsgelände tauchte dann allerdings genannte Katze auf.

Riesige, aufblasbare Katze

Das hat viele Menschen und mich sehr erfreut, dass da eine riesige Katze ist, weil Katzen toll sind. Katzen sind Quellen für Memes, sie sind flauschig und ansonsten auch ziemlich tolle Lebewesen. Menschen in meinem Hackspace finden Katzen so toll, wir haben eine eigene Katzengruppe, in die wir andauernd Katzenbilder werfen.

Natürlich ist auch irgendwann die Frage aufgetaucht, woher diese Katze eigentlich kommt, aber niemand hatte so wirklich eine Antwort. Die Polizei Karlsruhe hatte dazu selbst getwittert, dass die Katze nur wenige Tage in Karlsruhe sei, sie den Grund ihres Besuches aber nicht verraten wollte. (Link zum Tweet der Polizei, Achtung, Twitter)
Seit sie kurzzeitig verschwunden war, gab es sogar eine Anfrage an FragDenStaat, eine Plattform, die es ermöglicht, Anfragen an diverse Behörden zu stellen, um Zugang zu bestimmten Dokumenten zu erhalten. (Link zur Anfrage auf fragdenstaat.de)
Nachdem dort noch keine Antwort aufgetaucht ist, habe ich das Thema seit der GPN eigentlich vergessen. Bis ich vor kurzem etwas von der FDP-Fraktion im Bundestag gesehen habe.

Ich wurde darüber auf Twitter aufmerksam und bin dann letztlich auf Facebook gelandet. (Link zum Post der FDP-Bundestagsfraktion, Achtung, Facebook)
In dem Post geht es darum, dass das Ministerium für Inneres, Digitales und Migration in Baden-Württemberg für 2,2 Millionen Euro unter anderem diese große Katze aufgestellt hat. Das ist laut FDP-Fraktion eine Anspielung auf die Beliebtheit von Catcontent im Internet und Teil einer Werbekampagne des Ministeriums. Das dortige Bild suggeriert ähnlich wie der Text, dass die 2,2 Millionen Euro in diese Katze geflossen sind.

Bild der FDP im Facebook-Post, Quelle ist dieselbe wie der Post der Fraktion

Uns lächelt die Forderung an, dass 2,2 Millionen Euro auch in den Glasfaserausbau hätten investiert werden können. Versteht mich nicht falsch, ich finde Glasfaserausbau toll.
Aber ich konnte mir kaum vorstellen, dass nur diese Katze alleine 2,2 Millionen Euro kostet. Ich habe schon einige Prestige-Projekte gesehen, ich konnte mir das irgendwie nicht so ganz vorstellen. Eine aufblasbare Katze, 2,2 Millionen Euro? Da ist irgendwas faul, zumal ja auch die FDP etwas von "unter anderem" schreibt.
Immerhin hatte ich jetzt einen Anhaltspunkt, dass die Katze aus irgendeiner Kampagne kommt. Und was wäre das für eine Kampagne, wenn das entsprechende Ministerium sie nicht bewerben würde? Und, welch Überraschung, es wird tatsächlich auf der Seite des Landes Baden-Württemberg beworben. (Informationskampagne "Alles beim Neuen" auf der Seite des Landes)

Diese Informationskampagne des Landes weist auf die Digitalstrategie des Landes hin. Die ganze Werbekampagne hat ein Budget von 2,2 Millionen Euro und das nicht einmalig, sodass wir ein paar Wochen was davon haben, sondern zwei Jahre lang. Die Katze ist das Maskottchen. Das Geld ist letztlich für eine Werbeagentur.
Wollen wir das doch mal in Relationen setzen. Weil ich es irgendwie lustig finde, den Zeitraum von zwei Jahren mit den Monaten vor einer Wahl zu vergleichen, nehmen wir doch einfach mal die Ausgaben der Parteien zur Bundestagswahl 2017. (Ausgaben der Parteien zur Bundestagswahl, Achtung, Merkur)
Die SPD steigt mit 24 Millionen Euro, alleine die CDU mit 20 Millionen Euro, die Linke mit 6,5 Millionen Euro, die Grünen mit 5,5 Millionen Euro und die FDP mit 5 Millionen Euro ein. Gut, damit bespielen sie zwar die gesamte Bundesrepublik, aber gleichzeitig tun sie das nur wenige Wochen und Monate vor der Wahl.

Wagen wir doch mal den Schritt zu der Webseite, die mit der Kampagne zusammenhängt. Die Webseite ist unter https://www.digital-bw.de zu finden. Ich fühle mich davon ehrlich gesagt ein wenig erschlagen, aber na ja, ich bin vermutlich auch nicht die Zielgruppe dieser Seite. Ich finde Katzen und Glasfaser ja jetzt schon toll. Ich bin ein Digital Native, ich bin mit all dem aufgewachen und habe eine gewisse Ahnung. Die Seite ist letztlich viel Buzzword-Bingo. Ich weiß nicht genau, warum man unbedingt eine Forschungseinrichtung zu künstlicher Intelligenz als Cyber Valley bezeichnen muss. Oder unglaublich oft irgendwelche Menschen mit VR-Brillen zeigt. Auf die Verfahren zur Bürgerbeteiligung mit Augmented und Virtual Reality bin ich gespannt.
Ansonsten bin ich ehrlich gesagt beeindruckt davon, wie viel Javascript man auf eine Seite packen kann, ohne dass irgendwas kaputt geht. Da ist viel Content mit drin, auch wenn der sich gerne mal wiederholt. Das könnte deutlich schlechter sein. Warum hat eigentlich nur Baden-Württemberg so was?
Dazu kommt leider immer noch, dass die Politik die Digitalisierung verpennt hat. Solche Kampagnen vor zehn, zwanzig Jahren, solche Maßnahmen vor zehn Jahren, wären echt was Tolles gewesen.
Abgesehen davon ist da auch einiges dabei, was ich als problematisch erachte. Bodycams für die Polizei ist nicht nur ein Risiko für die Freiheit, sondern auch für den Datenschutz. Das wird auch nicht besser, wenn die Aufzeichnungen auf Servern der Polizei statt auf einer Cloud gespeichert werden. Ich will nämlich nicht, dass irgendwas gespeichert wird. Ähnlich ist es mit dem mit Alexa verknüpften Burgerservice einer Kommune. Dieser Heimassistent von Amazon stand ja bisher schon mehrmals in Kritik, mit Benutzungsdaten nicht gerade toll umzugehen.

Cool, aber was genau ist jetzt mit dem Glasfaserausbau? Laut der Seite des Landes Baden-Württemberg fließt eine Milliarde in dieser Legistlaturperiode in den Bereich Digitalisierung. Davon landet die Hälfte im Infrastrukturausbau. Ja, es wäre durchaus interessant zu wissen, was mit der anderen Hälfte passiert. Aber so landet 227 Mal so viel im Ausbau von Infrastruktur als für die Informationskampagne vorgesehen ist. Würde man dies alles in Glasfaserausbau investieren, würde es sich um 7000 Kilometer Glasfaser handeln.
Ich werde jedenfalls gespannt die Strategie Baden-Württembergs beobachten und mal schauen, was noch so passiert. Vielleicht kommt ja mal tatsächlich was Sinnvolles im Bereich Digitalisierung raus.

Update: Die Anfrage bei FragDenStaat wurde beantwortet. Es liest sich durchaus interessant, aber jener Punkt, mit den Kosten der Katze für sich alleine, wird auch beantwortet: "Für 6.061,- Euro netto konnte sie vom Hersteller freigekauft werden." Damit werden rund 0.3 Prozent des Gesamtbudgets für diese Katze ausgegeben.

Jun 06, 2019

Wunschanforderungen an Lehrende

Ich habe ja bereits das ein oder andere Mal geschrieben, dass ich mir wünsche, dass insbesondere Lehrende sich ihrer Verantwortung bewusst werden und gewisse Hierarchien bereit sind, aufzubrechen. Aber was genau möchte ich beispielsweise als Studentin von einer lehrenden Person? Was erwarte ich, was wünsche ich mir? Ich kann darauf nur einen geringen Einfluss nehmen, denn wenn ein neuer Professor berufen wird, kann auch die Fachschaft darauf Einfluss nehmen als eine der Stimmen der Studierenden. Sie ist zwar nicht so wirklich groß, aber immerhin ist sie da.
Jedenfalls möchte ich an dieser Stelle schreiben, was genau jemand, der sehr gute Lehre macht, mit sich bringt oder mit sich bringen sollte. Einige Beispiele, im Positiven wie im Negativen, habe ich bisher schon erlebt.

Das Wissen, dass ihr Stoff nicht für jede Person einfach ist

Viele Dozenten halten eine Vorlesung nicht zum ersten Mal, sondern haben unter Umständen diese eine Vorlesung für mehrere Jahre in ihrem Repertoire. Dann wird die Vorlesung eben jährlich oder jedes Semester angeboten und ich kann verstehen, dass das irgendwann für die lehrende Person dazu führt, dass sehr vieles einfach wirkt, insbesondere, wenn es sich noch um Grundvorlesungen handelt. Hier fehlt mir allerdings der Blickwinkel der Studierenden. Das sind diejenigen, die das alles zum ersten Mal hören und verstehen wollen. Hier muss für ein Bewusstsein gesorgt werden, dass es für viele eben nicht einfach ist, sei es durch Feedback der Studierenden oder das von Übungsgruppenleitern, falls es denn eine Übungsgruppe gibt. Um es mit den Worten aus eines Professors zu Vorlesungsbeginn zu sagen "Sie werden sehen, das ist alles ganz einfach. Okay, ehrlich gesagt ist das nicht einfach. Aber ich werde versuchen, es so zu erklären, dass Sie es als einfach empfinden."

Kommunikation mit Studierenden

Nur, wenn eine lehrende Person mit denjenigen redet, denen sie etwas beibringen soll, kann sie ein Gefühl dafür bekommen, was als einfach verständlich empfunden wird, was als schwierig gilt, was zu viel an Umfang ist, wo vielleicht noch tiefer ins Detail gegangen werden kann. Ja, auch hier müssen Studierende sich einbringen und aktiv mit ihren Dozenten sprechen. Aber auch hier können Lehrende weitreichende Maßnahmen anbieten. Sei es ein anonymisiertes Online-Forum für Fragen, interaktive Vorlesungen mit Zwischenfragen an die Studierenden oder ein Gespräch mit drei, vier Studierenden nach jeder Vorlesung, da einfach mal nach Interesse fragen und dort eine genauere Erklärung mitnehmen, Kommunikation über Übungsgruppen. Ich hatte schon mal all das und noch mehr in nur einer Vorlesung und ich fand es toll, so viele Möglichkeiten zu haben.
Gleichzeitig ist es wichtig, dass Studierende in der Kommunikation ernst genommen werden, auch was so was wie Praktikumsorganisation angeht. Als Praktikumsbetreuer erachte ich es als wichtig, insbesondere während der Laborzeiten ansprechbar zu sein. Ich fand es zudem toll, dass ein Professor, der das Praktikum betreut hat, selbst für einen der Versuche zuständig war, was sonst nur Masteranden/Doktoranden machen, das flacht die Hierarchie zumindest ein bisschen ab.

Ein gewisses Interesse an Didaktik

Didaktik, die Lehre des Lehrens, ist definitiv nicht nur etwas für angehende Lehrer an staatlichen Schulen. Auch Lehrende sollten ein Gefühl dafür haben, wie man Menschen wissenschaftlich fundiert etwas beibringt. Ich weiß, dass einige Hochschulen viel für die didaktische Weiterbildung ihres lehrenden Personals tun, gleichzeitig habe ich aber das Gefühl, dass es nicht wenige Personen gibt, die eine solche didaktische Weiterbildung eher als nervige Pflicht ansehen, gerne mit dem Glauben, dass die eigene Lehre so gut wie wie nun einmal ist. Das führt mich direkt zum nächsten Punkt.

Lehrende machen Fehler und sind nicht perfekt

Es gibt so viele perfekte Lehrende wie es perfekte Menschen gibt, nämlich keine. Sei es das eigene Lehrkonzept, sei es irgendeine Erklärung, sei es ein Fehler, der irgendwie gemacht wurde. Das ist vollkommen in Ordnung. Ich wünsche mir dieses Eingeständnis auch von Lehrenden, dass es für sie okay ist, nicht alles zu wissen, dass sie auch mal Fehler machen, zu diesen Fehlern stehen und sich hinterfragen. Wissenschaft und Forschung sind ein stetiger Prozess. Lehre ist das auch. Insbesondere gehört für mich auch dazu, Kritik anzunehmen und dabei nicht in einen Prozess der pauschalen Abwehr und Rechtfertigung zu verfallen.

Übungsgruppen/Sprechstunden anbieten

Ich weiß, sehr viele Stundenpläne und Modulkataloge sind kurz vorm Überlaufen. Aber wenn irgendwie die Möglichkeit besteht, Übungsgruppen anzubieten, ist das eine großartige Sache. Es gibt schlicht und ergreifend mehr Übung für Studierende und eine weitere Option, wie der Stoff überhaupt angenommen wird und wo es Schwierigkeiten gibt. Gleichzeitig bestünde (sonst) die Möglichkeit von Tutorien oder Sprechstunden, einmal in der Woche für ein bis zwei Stunden, zu denen Studierende mit ihren Problemen kommen können.

Lehrmaterialien zur Verfügung stellen

Viele Lehrende haben in welcher Form auch immer ein Skript, einige stellen es auch Studierenden zur Verfügung, was ich für eine gewisse Verpflichtung halte. Lehre muss so offen wie möglich sein, denn auch dahinter steckt freies Wissen und freie Forschung. Darunter zählen für mich auch Vorlesungsmitschriften, sei es, um irgendwas im Nachhinein nachzuvollziehen, weil man irgendwas an der Tafel nochmal abgleichen möchte, sei es aus Gründen der Barrierefreiheit. Ja, auch hier zählt Barrierefreiheit, denn es gibt durchaus Menschen, die sehr schlecht sehen und Probleme damit haben, das an der Tafel zu entziffern und noch mehr Probleme beim Konzept Mitschreiben und gleichzeitig Zuhören und Verstehen haben. Es macht vieles nochmal nachvollziehbar, man kann überprüfen, an irgendeiner Stelle Literatur dazu suchen, eine Pause machen und sich alles nochmal verinnerlichen.

Vorlesungaufzeichnungen

Auch etwas langsamer durchzugehen, mehr Zeit zum Verstehen zu haben, Klausurenvorbereitung durch ein Bingewatching, das bringen Vorlesungsaufzeichnungen und auch hier haben wir wieder den Punkt mit der Barrierefreiheit. Zudem kann es immer sein, dass jemand an einem Vorlesungstermin schlicht nicht kann. Sei es wegen Kindern, einem Job, um sich das Studium überhaupt finanzieren zu können (ja, es gibt Studierende, die nebenbei arbeiten müssen) oder aus welchen Gründen auch immer. Da lässt sich garantiert eine ewig lange Liste schreiben. Wenn eine lehrende Person sich vor einen Hörsaal stellen und etwas erzählen kann, dann kann sie das in meinen Augen auch vor einer Kamera. Ich weiß, hier fehlen auch noch diverse Möglichkeiten zur Finanzierung, aber es gibt auch Dozenten, die daraus eine gewisse Eigeninitiative brachten.
Bei Vorlesungsaufzeichnungen wäre es super, auf den Datenschutz der Studierenden zu achten und den Mitarbeitern zu erklären, dass solche Bedenken durchaus berechtigt sind und jemand auch ein Problem damit haben könnte, gefilmt zu werden, was nicht nur daran liegt, dass jemand seine Frisur nicht im Internet sehen möchte, weil man ein Problem mit dem Haarschnitt oder was auch immer hat. Ein Bewusstsein für Datenschutz ist dabei unabdingbar, sodass wirklich nur der vordere Bereich des Lehrenden gefilmt werden sollte.

Faire Klausuren

An dieser Stelle ist es möglich, sich sehr zu streiten, wann eine Klausur fair ist. Das möchte ich an dieser Stelle nicht tun, ich möchte hier ein paar Maßnahmen nennen, um Klausuren fair gestalten zu können. Erstmal finde ich hier den Austausch mit Übungsgruppen(leitern) sehr wichtig, falls es denn Übungsgruppen gibt. Generell finde ich es wichtig, mit Menschen zu reden, die ein gewisses Gefühl für den Stoff und für die Studierenden haben.
Daneben halte ich diese Policy, Zweitversuche prinzipiell schwieriger als Erstversuche zu machen, nicht wirklich was. Es hat Gründe, dass Studierende durch Erstversuche fallen. Vielleicht haben sie nicht genug gelernt, vielleicht haben sie Probleme mit dem Stoff, prinzipiell ist es aber ein Zeichen, dass irgendwas zu schwierig für Studierende war. Da bringt es nichts, einen Zweitversuch noch schwieriger zu machen, weil da ja mehr Zeit zum Lernen ist. Das ergreift nicht die Tiefe des Problems. Daneben kann jeder mal einen schlechten Tag haben, krank sein und deswegen den Zweitversuch mitschreiben müssen oder was auch immer. Ich weiß, dass manche Hochschulen das so umgehen, dass es generell nur einen Versuch pro Semester/Jahr (letztes für jährlich stattfindende Veranstaltungen) gibt. Somit ist ein Zweitversuch für viele gleichzeitig ein Erstversuch und es kann nichts bewusst schwieriger gestellt werden.

Bessere Bezahlung und Entfristung von wissenschaftlichen Mitarbeitern

Ich weiß, ein Großteil der Lehre wird über wissenschftliche Mitarbeiter gestemmt, die selbst oft nur eine Halbtagsstelle haben, unbezahlte Überstunden ableisten und hoffen, ja genügend Paper zu veröffentlichen, um eine Anschlussstelle zu bekommen, sodass da logischerweise Zeit für Lehre hinten runter fällt. Forschung ist hart, daneben noch gute Lehre abzuleisten noch härter. Ich möchte daher gute Arbeitsbedingungen für insbesondere junge Menschen in der Wissenschaft, sodass weniger Druck darauf lastet, so viel zu schreiben und zu veröffentlichen wie möglich, weil nur davon eine weitere Stelle abhängig ist, und die Lehre als nervige, zeitfressende Pflicht deklariert. In diesem Rahmen muss auch als gut empfundene Lehre irgendeine Art der Belohnung erfahren.

Kontakt außerhalb von Lehrveranstaltungen zu Studierenden

Vor kurzem habe ich beim Sommerfest der einer Fakultät erleben dürfen, dass tatsächlich ein Professor mitgeholfen hat und solche einfachen Schichten wie die Grillschicht übernommen hat, was ich bisher gar nicht gekannt und nicht für möglich gehalten habe. Natürlich ist das nur ein Beispiel, was nicht zwingend für eine gute Lehre sprechen muss. Aber es zeigt schon einmal einen gewissen Kontakt und eine gewisse Kontaktfreudigkeit. Das hier ist sowieso neben all dem anderen ein ziemlicher Bonuspunkt, ist aber auch so ein bisschen ein Sinnbild für flachere Hierarchien.

Motivation

Ich finde es wichtig, dass Lehrende nicht unbedingt den Eindruck vermitteln, dass sie gerade nur in diesem Vorlesungssaal stehen, weil sie dooferweise eine Vorlesung halten müssen, aber sich eigentlich lieber mit etwas ganz anderem beschäftigen wollen. Das ist im Grunde genommen gerade bei wissenschaftlichen Mitarbeitern, die Forschungs- und Veröffentlichungsdruck haben am verständlichsten, die sind aber oftmals noch motiviert meiner Erfahrung nach. Wenn mir aber auffällt, dass jemand keine Lust auf Lehre hat, dann demotiviert das auf einer gewissen Ebene mich mit. Hat jemand hingegen Bock, mir was beizubringen, wirkt sich das auch positiv auf mich auf.

Mir ist bewusst, diese "Wunschliste" ist sehr lang und vieles davon können aufgrund der Probleme wie zeitlichem Mangel nur Professoren umsetzen und nicht wissenschaftliche Mitarbeiter, die neben ihrer Forschung eben auch mal eine Vorlesung halten, weil Lehre eben dazu gehört. Dabei beobachte ich in letzter Zeit sogar den Trend, dass wissenschaftliche Mitarbeiter oder studentische Hilfskräfte noch mit am meisten Spaß daran haben, etwas beizubringen, auch, wenn es in unbezahlten Überstunden endet. Vieles aus dieser Liste trifft deutlich eher auf Professoren zu, gleichzeitig spiegelt das hier natürlich meine subjektive Meinung wieder und ist auch nicht unbedingt abgeschlossen. Ich bin nun einmal Studentin und werde im Zweifelsfall auch mal lauter und fordernder, als Studierenden zugestanden wird. Dabei sind gerade wir diejenigen, die diese Lehre erleben und ihr häufig ohnmächtig gegenüber stehen.
Daher, Mitstudierende, werdet lauter, macht euch Gedanken über bessere Lehre, versucht, Vorschläge einzubringen, wenn ihr dazu die Kraft habe.

Mai 23, 2019

Chemie in den Medien und im CDU-Spot

Heute Morgen lag ich noch kurz vor dem eigentlichen Aufstehen im Bett, habe durch Twitter gescrollt und habe einen Werbespot der CDU gesehen, der einen auf wissenschaftlich und Chemielabor macht, der mich schockiert hat und vermutlich stärker geweckt hat als eine kalte Dusche am Morgen. Die Rede ist von einem Video des EU-Abgeordneten Elmar Brok, der offenbar für seinen Wiedereinzug ins Europaparlament kämpft und dabei ein Video gemacht hat, das offenbar einen wissenschaftlichen Eindruck erwecken soll. Der Spaß ist hier zu finden, Achtung, der Link führt zu Twitter, für alle, die darauf nicht zugreifen möchten. Ich möchte an dieser Stelle erklären, was genau an diesem Video falsch ist und mir dabei direkt ins Gesicht springt. Wenn ich tatsächlich alles aufzählen würde, würde das hier sehr, sehr lang werden.
Eigentlich geht es mir hauptsächlich um das Bild von Chemie in den Medien, ein grandios schlechtes Beispiel ist dieser Werbespot.

Schon in den ersten paar Sekunden passiert etwas, was... beunruhigend ist.

Überlaufende Erlenmeyerkolben

Ich hatte bisher einmal eine Situation, in der mir etwas so sehr übergelaufen ist. Es war mein Schwermetallabfall, nachdem ich irgendwas da rein gekippt habe, ich glaube, es war was mit Wasserstoffperoxid. Es hat geschäumt und ist übergelaufen. In dieser Situation tat ich alles andere, als beruhigt irgendwelche Zahlen zu sagen. Es ist beunruhigend, wenn ein Kolben überläuft und in den meisten Fällen nicht erwünscht. Abgesehen davon ist das nur eines von vielen Gläsern, Erlenmeyerkolben, Messbechern, die irgendeine blubbernde oder rauchende, bunte Flüssigkeit beherbergen, die gerade überläuft. Zunächst einmal ist es problematisch, wenn irgendwelche Flüssigkeiten überlaufen. Noch bedenklicher ist es, wenn die einfach so unter Normalbedingungen, also grob gesagt Labortemperatur und Labordruck, vor sich hin rauchen und blubbern. Normalerweise stehen die dann unter einem Abzug, der dafür da ist, dass die Gase und Dämpfe nicht in der menschlichen Atemluft landen. Abgesehen davon ist nicht alles, was in einem Labor steht und flüssig ist, bunt. Es ist sogar ziemlich selten irgendwas so knallig bunt, außer vielleicht für Photometrie, ein Messverfahren, das auf Farbintensität beruht, sehr vereinfacht ausgedrückt. Oder in der Komplexchemie, aber da ist auch wieder sehr vieles giftig.

Fliegender Erlenmeyerkolben

Etwas später gibt es auch noch diesen sehr schönen Kolben zu sehen, der im ersten Moment so aussieht als würde er fliegen. Auch im späteren Verlauf des Videos fliegt der Kolben immer noch.

Fliegender Erlenmeyerkolben

Tatsächlich sind solche Kolben immer sehr gut gesichert, mindestens eine Klammer um den Hals, in der Regel auch noch irgendwas, worauf der Kolben steht. Wenn wir da nämlich irgendwas rein laufen lassen, dann wollen wir das nicht verlieren.
Sehr ungünstig finde ich auch die Schläuche. Normalerweise ist ein Schlauch transparent oder orange, was durchaus eine Bedeutung hat. Orange waren bei mir bisher immer Flüssigkeiten, transparent Gase. Diese Schläuche zu verbinden ist mindestens ungünstig bis einfach falsch. Zudem sind die auch nicht separat durch Schlauchklemmen gesichert.

Offenes Braunglas

In diesem ganzen Rauch, Nebel und überlaufenden Flüssigkeiten haben wir auch noch ein offenes Vorratsgefäß, klein aber bemerkbar. Braunglas wird gerne als Vorratsgefäß eingesetzt, wenn irgendwas lichtempfindlich ist. Es offen irgendwo stehen zu lassen, ist da nicht so wirklich hilfreich, zumal die ganzen Dämpfe drum herum natürlich in dieses Braunglas rein gehen und mit der dortigen Substanz reagieren, was ich mich noch zu einem anderen Punkt bringt. Das Braunglas ist nicht beschriftet, es ist unklar, was drin ist, was im besten Fall einfach nur zu Verwirrung führt, im schlimmsten Fall aber irgendein gefährliches Produkt erzeugt. Und selbst, wenn es nicht reagiert, die Substanz in dem Braunglas ist damit verschmutzt.

NH\(_2\)

Hier sehen wir verschwommen die chemische Summenformel NH\(_2\). Überraschung, sie ist im Grunde genommen für sich alleine stehend falsch. Dabei handelt es sich um eine Aminogruppe, die an einem Molekül irgendwo dran hängen kann. Aber dann hat der Stickstoff der Aminogruppe genügend Bindungspartner und ist auch nicht alleine. Alleine könnte es als Ion vorkommen, ist hier aber keineswegs irgendwie verdeutlicht.

Wasserstoff?

Die Tafel ist generell... interessant. Hier sehen wir eine Schreibweise, die mir bisher noch nicht untergekommen ist und von der ich keine Ahnung habe, was sie mir sagen soll. Das H\(_2\) kann irgendwas mit Wasserstoff sein, aber was tut da das I und was tut der nächste Wasserstoff da? Was ist das?

Fünfbindiger Kohlenstoff

Am Ring haben wir einen Kohlenstoff mit einer Doppelbindung zu einem anderen Kohlenstoff, einer Doppelbindung zum Sauerstoff und eine Einfachbindung zu einem weiteren Kohlenstoff. Das ist einfach falsch. Kohlenstoff kann insgesamt vier Bindungen eingehen, hier haben wir fünfbindigen Kohlenstoff. Das funktionert einfach nicht.

Mathematische Ausdrücke der CDU

Dass diese Formel für sich genommen schon ziemlich schwachsinnig ist, muss ich hier glaube ich nicht noch einmal extra ausführen. Dass sie allerdings, selbst, wenn sie ernst genommen wird, nicht im Sinne der CDU ist, ist vor der Veröffentlichung offenbar nicht aufgefallen. Würden Wohlstand und Frieden vergrößert werden, würde sich deren Produkt auch vergrößern. Wird der Nenner allerdings größer, wird das Gesamtergebnis kleiner. Demnach würde mit steigendem Wohlstand und Frieden das Ergebnis der CDU sinken.

Atommodell der CDU

Auf der Tafel ist ein Atommodell zu sehen. Es ist schon ein wenig älter, was okay ist, weil es dennoch oft verwendet wird, auch, wenn es genau genommen falsch ist. Ignorieren wir das einfach mal und schauen uns die jeweiligen Schalen an. In der Ersten ist kein einziges Elektron, dafür sind in der Zweiten direkt zehn Elektronen. Das ist falsch. Wenn, dann müssten in der ersten Schale zwei Elektronen sein und in der zweiten acht, aber so passt es von dem Aufbau eines Atoms einfach nicht.

Abgeordneter Elmar Brok

Der verantwortliche Abgeordnete des Europaparlaments zeigt sich selbst noch, allerdings missachtet er noch mehr Sicherheitsvorschriften. In einem Labor sind Schutzkittel und Schutzbrille Pflicht. Da sollte niemand in einem Hemd und einer ganz normalen Brille stehen.

Am Ende wird noch die Zukunftsformel für Europa beworben, wobei es da vermutlich wissenschaftlich korrekter wäre, den Luftdruck im Europaparlament genau zu messen, dabei auf die Radonkonzentration im Trinkwasser eingehen und das mit der Wellenfunktion eines freien Teilchens zu multiplizieren, um dann irgendwas als Zukunftsformel zu deklarieren. Zumindest die Grundlagen wären nicht so falsch wie das, was die CDU hier abliefert. Es ist nicht wissenschaftlich, es ist chemisch inkorrekt, es ist so vieles falsch. Immerhin ist es die definitive Aussage, dass der CDU die Wissenschaft egal ist. Und das ist immerhin eine Grundlage, die CDU bei der Europawahl nicht zu wählen, falls die weiteren Gründe nicht ausreichen sind.

Update 0: In einer früheren Version habe ich Elmar Brok als Kandidaten für die Europawahl bezeichnet, was nicht der Fall ist. Er ist der bisher dienstälteste Parlamentarier im Europaparlament, gab aber bekannt, bei der Europawahl 2019 nicht mehr anzutreten. In jedem Fall ist er allerdings ein Repräsentant und Mitglied der CDU.

Mai 15, 2019

Ein kleiner Blick in die Physik

Nachdem ich mir mittlerweile doch recht sicher bin, dass das Chemiestudium und ich ab kommendem Wintersemester getrennte Wege gehen werden und mein Stundenplan für das Sommersemester erstaunlich wenig Veranstaltungen in der Chemie enthält, überlege ich natürlich, was ich tun möchte und was ich studieren möchte. Dass ich weiter studieren möchte und keine Ausbildung anstrebe, das weiß ich bereits. Ich sehe mich eher in einem Studium, zumal mir das Konzept besser gefällt und ich die dort vorhandene Freiheit und Selbstständigkeit sehr mag. Ich weiß ja bereits, dass ich grob im MINT-Bereich bleiben möchte. Da bietet sich die chemienahe Naturwissenschaft Physik an. Gleichzeitig will ich übrigens nicht umziehen, mir nicht wieder eine neue Wohnung und Wohnort suchen.

Im Chemiestudium hatte ich immer besonders viel Spaß an der physikalischen Chemie. Thermodynamik und Kinetik waren toll, auch das entsprechende Praktikum war geil. Zudem hatte ich in der Chemie im ersten und zweiten Semester Physikvorlesungen, Experimentalvorlesungen im Bereich Mechanik und Elektrodynamik. Ich muss sagen, diese Vorlesungen waren großartig, was sicherlich auch mit dem sehr motivierten und kompetenten Dozenten zusammenhing.
Das Praktikum in der Physik hat mir Spaß gemacht, was aber sicherlich auch mit der Organisationsstruktur zusammenhängt. Mit zwei Kommilitonen zusammen Experimente machen und nette, alles andere als strenge Praktikumsbetreuer zu haben, ist schon eine sehr glückliche Situation.
Insofern mag ich Physik sehr und hatte dazu sehr gute Voraussetzungen, das weiterhin zu mögen. Mich interessiert Physik auch mehr als Biologie, was zwar auch eine coole Naturwissenschaft ist, aber gerade im Laufe der schulischen Oberstufe ist mir aufgefallen, wie viel mehr Physik mich im Vergleich zu Biologie interessiert. Chemie und die Physik der Außenelektronen eines Atoms hängen ja auch stark zusammen. Ein Professor für physikalische Chemie sagte mal, wir machen all das, was für die Menschen in der Physik zu schwierig ist. Ich mag diesen "Kampf" und Vergleich zwischen Naturwissenschaften nicht wirklich. Letztlich ist der Übergang sehr fließend. Also, warum nicht den Sprung in die Physik wagen?

Um ehrlich zu sein, ich glaube, dass Physik nicht das passende Studienfach für mich ist. Ich finde Physik unglaublich interessant und beschäftige mich in meiner Freizeit damit. Aber ich befürchte, dass ein Studium der Physik ähnlich aufwendig ist wie das der Chemie, zumindest mit Blick auf die Menschen, die ich kenne und die Physik studieren.
Dazu kommt, dass Physik noch mathematischer ist als die Chemie. Im Physikstudium in Regensburg sind teilweise die Vorlesungen des Mathematik-Studiengangs drin. Ich mag Mathe, aber ich befürchte, dass es für mich zu mathematisch werden könnte. Mathematik-Mathevorlesungen sind noch einmal eine Nummer härter als das, was ich in der Chemie erlebt habe.
Abgesehen davon, ich befüchte, ich käme langfristig nicht mit dem Ziel der Forschung klar, auf das der Physikstudiengang an der Uni Regensburg schon durchaus strebt. Die Forschung als Berufsfeld ist... anstrengend und ich habe großen Respekt vor jedem Menschen, der sich diesen Stress aus befristeten Verträgen, Umzügen, tendenziell unbezahlte Überstunden antut. Sonst kenne ich so einige Menschen mit einem Abschluss in Physik, die letztlich in der IT gelandet sind. Dafür muss ich nicht Physik studieren.

Eine potentielle Idee wäre auch die Computational Science in Regensburg, das ist ein Studiengang als Kooperation der Fakultät für Mathematik und der Fakultät für Physik. Allerdings ist hier wieder das Problem, dass ich die Mathematik-Vorlesungen und auch Klausuren habe, dazu noch jene in der Physik und dazu noch verschiedene Vorlesungen im Bereich der IT. Das könnte mir dann doch etwas zu viel werden.

Zugegebenermaßen, ich möchte nicht an dem Punkt landen, an dem ich wieder mein Studienfach wechsle. Gerade Physik ist da doch sehr riskant, das hat nämlich nicht eine geringere Abbrecherquote. Ich werde also weiter meine Augen offen halten und ein Semester lang experimentieren, was mir am besten liegt und was ich langfristig tun möchte. Physik mag zwar als Studienfach rausfallen, aber ich kann mich natürlich immer noch in meiner Freizeit für Physik interessieren, darüber lesen und verstehen. Es ist schließlich noch immer eine wunderbare Naturwissenschaft.

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