Sep 23, 2019

Bisexualität am Bi-Visibility-Day

Heute ist der Tag, an dem Bisexualität gefeiert wird, nämlich der Bi-Visibility-Day. Im Grunde genommen ist das auch für mich ein toller Tag, denn ich bin bisexuell. Dieser Tag bringt einerseits Aufmerksamkeit auf das Thema, dass bisexuelle Menschen existieren und hilft gleichzeitig dabei, Vorurteile abzubauen, auf Diskriminierungen aufmerksam zu machen und Sichtbarkeit für das Thema zu schaffen.

Vielleicht sollte ich einmal von vorne anfangen und über den Begriff Bisexualität reden. Denn auch leider passieren hier immer mal wieder Missverständnisse, beispielsweise, dass Bisexualität immer bedeutet, in Bezug auf zwei Geschlechter, nämlich männlich und weiblich, partnerschaftliche Liebe und sexuelle Anziehung erfinden zu können, idealerweise auch im Verhältnis von 50 Prozent für jedes Geschlecht.
Das stimmt nicht. Das kann Bisexualität bedeuten, aber die eigentliche Definition geht noch viel weiter. Bisexualität bedeutet als Oberbegriff eine Anziehung zu mehr als einem Geschlecht. An dieser Stelle möchte ich auch gerne die Definition von Robyn Ochs anführen:

I call myself bisexual because I acknowledge that I have in myself the potential to be attracted – romantically and/or sexually – to people of more than one gender, not necessarily at the same time, not necessarily in the same way, and not necessarily to the same degree.

Bisexualität beschreibt also wie auch immer geartete Anziehung zu mehr als einem Geschlecht, unabhängig von Zeitpunkt, Art und Tiefe. Diese Definition von Bisexualität erkennt nämlich auch an, dass mehr als zwei Geschlechter existieren, fernab vom binären System der Männlichkeit und Weiblichkeit. Insofern kann Bisexualität bedeuten, dass jemand beispielsweise sexuell, romantisch oder beides zu Menschen im Spektrum Demigender sowie Frauen hingezogen fühlt. Bisexualität kann aber auch bedeuten, dass einer Person egal ist, welches Geschlecht andere Menschen haben und sie sich zu allen Geschlechtern hingezogen fühlen kann.
Mir ist bewusst, dass auch der Begriff der Pansexualität existiert und das bedeuten kann, was Bisexualität bedeutet. Ich selbst bin regelmäßig verwirrt, unter welchen dieser beiden Begriffe ich mich denn nun stecken soll, weil sowohl Bisexualität nach der Definition von Robyn Ochs als auch Pansexualität nach geschlechtsunabhängigem Begehren passt. Meine zeitlich gesehen erste Wahl war die Bisexualität, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr entscheide ich mich bei dieser Frage nach meinem aktuellen Bauchgefühl oder erkläre meine Sexualität genauer. Ich habe demnach kein Problem damit, wenn ich sowohl als bisexuell als auch als pansexuell gesehen werde, ich selbst tue mich ja selbst schwer, diese Begrifflichkeiten für mich zu trennen. Was andere Menschen angeht, so kann ich natürlich nicht für diese sprechen und deren Sexualität kann vollkommen anders sein, auch, wenn sie bisexuell sind, weil dieses Begriff so vieles umfassen kann.

Gleichzeitig existiert da noch dieser riesige Haufen an Vorurteilen, Diskriminierungen, in manchen Fällen vielleicht einfach auch Missverständnissen nach der Definition von Bisexualität. Das geht schon damit los, dass ich ausgerechnet am Bi-Visibility-Day von einer Plattform, die sich für queere Menschen einsetzen und diese informieren will, diverse Vorurteile lesen und sehen darf. Bisexualität ist kein "Zwischenwert", wenn jemand nicht eindeutig heterosexuell oder homosexuell ist. Bisexualität ist eine eigene Sexualität, kein Zwischending. Zugleich macht es eine bisexuelle Person nicht weniger bisexuell, wenn ihre bisherigen Partnerschaften überwiegend mit Menschen eines bestimmten Geschlechts waren. Außerdem macht es monogam lebende Bisexuelle nicht weniger bisexuell, wenn sie eine langjährige Beziehung mit einer Person eines Geschlechts haben. Selbst, wenn eine bisexuelle Frau einen bisexuellen Mann heiratet und sich dazu entschieden, monogam zu leben, wird keine einzige Person davon hetero. Wenn zwei bisexuelle Agender heiraten und sich dazu entscheiden, monogam zu leben, wird keine einzige Person davon homosexuell.
Also bitte überdenkt eure Vorurteile, deckt eigene problematische Gedankengänge auf und feiert Bisexualität, danke.

Aug 04, 2019

Welches Pronomen passt zu mir?

Pronomen, ein Thema, das uns allen erstaunlicherweise wohl tagtäglich im Alltag begegnet und doch meistens erst in queeren Bereichen überhaupt Aufmerksamkeit bekommt. Als Person, die sich auch in queeren Räumen bewegt, ist daher die Frage nach Pronomen alles andere als ungewöhnlich. Bisher habe ich die Frage nach meinen Pronomen immer mit einem "she" beziehungsweise "sie" beantwortet, aber ehrlich gesagt habe ich mir darüber kaum bis nie Gedanken gemacht, weil es für mich einfach vollkommen gewohnt war.

Vor kurzem begann ich also, mir Gedanken zu machen, was mein Pronomen angeht. Ich bin weiblich und identifiziere mich mit dem Geschlecht, welches mir bei der Geburt zugeordnet wurde, also bin ich cis weiblich. Abgesehen von Klischees finde ich ehrlich gesagt die Frage, welches Geschlecht ich habe, gar nicht so einfach zu beantworten. Wenn am Ende nur noch das Gefühl für das eigene Geschlecht steht, keine körperlichen Ausprägungen, keine von der Gesellschaft zu einem bestimmten Geschlecht zugeordneten Verhaltensweisen, sondern nur das eigene Geschlechtsgefühl, dann ist das erst einmal einiges an Balast, den ich mitbringe und von dem ich mich befreien muss.
Aber nach all dem fühle ich mich weiblich. Ich mag meinen Namen, ich habe keine Dysphorie gegenüber meines Körpers oder habe ein Problem damit, wenn meine Umgebung mich als weiblich wahrnimmt. Ich weiß, dass das alles nicht nötig ist, um nicht cis zu sein. Es gibt Menschen, die sind trans, stimmen also nicht mit dem Geschlecht überein, dass ihnen bei der Geburt zugeordnet wurden, die keine Dysphorie erleben. Das ist okay, das macht sie nicht weniger trans.
Ich würde mich auch nicht als nicht-binär bezeichnen, einfach, weil mein Geschlecht ins binäre System passt. Insofern sollte die Frage nach Pronomen relativ klar sein. Oder?

Ich habe bemerkt, dass ich mich auch mit "they" wohlfühle. Dieses Pronomen hat sich insbesondere im englischsprachigen Raum als genderneutrales Pronomen verbreitet und wird von vielen nicht-binären Personen verwendet. Warum ich mich damit wohlfühle? Ich schätze, weil es für mich vollkommen in Ordnung ist oder sogar wünschenswert, geschlechtsneutral angesprochen zu werden, auch, wenn ich nicht geschlechtsneutral bin oder ein "neutrales" Geschlecht habe. Es kann so vieles enthalten und macht gleichzeitig darauf aufmerksam, dass es nicht nur binäre Geschlechter gibt, sondern so viel mehr. Ich versuche in letzter Zeit, generell mehr geschlechtsneutrale Sprache zu verwenden, gewöhne mich an bestimmte Formen des Genders, warum also sollte ich mich also nicht dabei wohlfühlen, mich selbst mit einem geschlechtsneutralen Pronomen wie "they" zu bezeichnen?
In meinem Schwedisch-Kurs im letzten Semester ist mir natürlich auch nicht entgangen, dass es ein schwedisches, geschlechtsneutrales Pronomen gibt, nämlich "hen", was verwendet werdenkann, wenn das Gesclecht einer Person nicht-binär oder schlicht unbekannt ist.
Im Deutschen existiert eine Vielzahl an Neopronomen, beispielsweise zu finden im nicht-binäre Wiki. Zwar existiert auch im Deutschen das Pronomen es, aber auch dieses wird im nicht-binären Wiki beschrieben und ist mir persönlich auf einer gewissen Ebene zu abwertend.

Was genau ist nun das Problem? Pronomen wie "they" werden meistens von Menschen genutzt, deren Geschlecht nicht-binär ist. Meines hingegen ist ziemlich binär. Ich möchte nicht-binären Menschen nichts wegnehmen. Besonders ein Satz ist mir in dieser Diskussion aber im Gedächtnis geblieben: Es gibt keine bestimmte Anzahl an Pronomen. Das stimmt. Wenn ich signalisiere, dass ich mich (auch) mit "they" wohlfühle, dann gibt es keinen globalen Counter, der eins von "they" abzieht und damit dieses Pronomen in seiner gesamten, nutzbaren Anzahl verkleinert. Pronomen sind nicht dadurch beschränkt, dass nur eine Maximalanzahl an Personen sie verwenden kann und ab einem bestimmten Punkt niemand mehr.
Mir ist bewusst, dass ich eine gewisse Verwechselungsgefahr hervorrufe, wenn ich das Pronomen "they" verwenden möchte. Da ich aber auch immer wieder in queeren Räumen nach meinem Pronomen gefragt werde, ist es dabei alles andere als merkwürdig, (auf Nachfrage) zu erklären, dass ich mich mit einem geschlechtsneutralen Pronomen wohlfühle und was mein Geschlecht ist.

Gleichzeitig hoffe ich, auch mit diesem Beitrag hier zum Beispiel, Menschen zum Nachdenken über ihre Pronomen zu bringen, denn das Thema Geschlecht wird ziemlich komplex, wenn gewisse "Selbstverständlichkeiten" wie das eigene Pronomen einfach mal hinterfragt werden.
Insofern: Hallo, ich bin Lea, ich bin weiblich und meine Pronomen sind sie und they.