Mai 08, 2019

Ein paar Gedanken zum Mathe-Abitur

Seit ein paar Tagen geht ein Thema durch die Medien, das mich selbst vor zwei Jahren beschäftigt hat. Es geht um das Mathe-Abitur unter anderem in Bayern, aber auch im Saarland rührt sich aus den Reihen der Schülerschaft eine gewisse Unzufriedenheit. Sowohl meine Heimat als auch meine Wahlheimat zeigen sich also unzufrieden. Gerade die Mathematik an der Schule halte ich für eine essentielle Vorbereitung für das Studium im MINT-Bereich und ehrlich gesagt hat mir meine mathematische Kenntnis aus der Oberstufe durchaus ein wenig geholen. Aber gerade mit dem Thema Lehre auseinander gesetzt dachte ich, ich gebe auch mal meinen Senf zum Mathe-Abitur 2019 in Bayern (und auch in anderen Bundesländern, aber die Aufgaben habe ich nur von der bayerischen Prüfung gesehen). Die Aufgaben wurde unter anderem vom Stattsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung veröffentlicht: https://www.isb.bayern.de/gymnasium/leistungserhebungen/abiturpruefung-gymnasium/mathematik/2019/

Die Aufgaben sehen ehrlich gesagt meinem Mathe-Abitur sehr ähnlich mit Ausnahme davon, dass mein Abitur anders aufgebaut war. Soweit ich mich erinnere, hatte ich keinen Prüfungsteil A und keinen Prüfungsteil B. Gleichzeitig hatte ich auch das vertiefte Mathe-Abitur. Ich habe mein Abitur im Saarland gemacht und zu diesem Zeitpunkt musste ich aus den Fächern Mathe, Deutsch und einer Fremdsprache zwei E-Kurse (Erweiterungskurse, daher das E) wählen, die ich dann vertieft 5 Stunden statt 4 Stunden die Woche hatte und in denen ich auch ein schriftliches Abitur abgelegen musste. Insofern war mein Abitur auch schwieriger als das vom Grundkurs. Beurteilen kann ich das nicht, weil das Saarland die Abituraufgaben aus Urheberrechtsgründen nicht veröffentlicht, was ich ehrlich gesagt als problematisch erachte, aber Bayern veröffentlicht immerhin die Aufgaben in einigen Fächern. Die Aufgaben aus Chemie werden leider nicht veröffentlicht, dafür Informatik, Physik und Mathe sowie weitere Fächer.

Jedenfalls sind die Aufgaben für mich selbst nicht besonders schwierig. Ich wäre damit vermutlich in meinem eigenen Mathe-Abi klargekommen und jetzt käme ich vermutlich auch noch damit klar, vor allem, wenn ich vorher noch ein paar Dinge nachlesen und meine alten Materialien durchlesen kann. Mein Abitur war alles andere als schlecht. Ich bin mal so frei an der Stelle zu sagen, dass es für mich kein Problem war, im oberen Drittel zu landen. Abgesehen davon habe ich jetzt deutlich krassere Dinge in Mathe gemacht. Ich habe Differentialgleichungen gelöst, Kurvenintegrale und Integration über Vektorfelder bearbeitet, die Fourier-Theorie kennengelernt und habe wahre Monster an Fehlerrechnung gesehen sowie zumindest kleine Monster an Fehlerrechnung selbst berechnet. Ich habe mich für mindestens ein Studium im MINT-Bereich entschieden, in meiner frühen Zeit am Gymnasium fand ich Mathe so geil, dass ich das studieren wollte. Ich bin kein Maßstab für aktuelle Abiturienten, sofern sie nicht mit Vektoranalysis überfordert sein wollen, nachdem sie noch nie etwas davon gehört haben.
Genauso wie ich kein Maßstab für die jetzigen Abiturienten bin, obwohl mein zeitlicher Abstand zum eigenen Abitur nicht so weit ist, sind das auch viele andere Menschen nicht. Natürlich können wir uns jetzt reihenweise hinstellen und verlauten lassen, wie einfach dieses Mathe-Abi ist. Das sollte in meinen Augen aber höchstens eine Grundlage für eine weitere Diskussion darstellen.
Angenommen, das Abi war wirklich so einfach wie so viele Menschen jetzt sagen, sollten wir uns dann nicht fragen, warum die Abiturienten es als so schwer empfanden? Erfahrungsgemäß betreffen solche Beschwerden oftmals die Mathematik. Deutsch, Englisch (außer das Hörverstehen, das wurde bereits im Saarland kritisiert), Politik, Erdkunde, Geschichte, so viele Fächer haben keine solchen lautstarken Beschwerden über ihre Abiturprüfung.
Gleichzeitig gibt es immer wieder Berichte, dass Hochschulen sich über die schlecht vorhandene Vorkenntnisse in der Mathematik beschweren. Die Mathematik-Kenntnisse der Abiturienten scheinen also schlechter zu werden, während sich auch die Beschwerden zum Mathe-Abitur häufen. Sollen Schüler jetzt einfach nur härter werden?

Warum also die Schüler, die zwar schon für ihre Noten verantwortlich sind, dafür kritisieren, dass sie etwas als zu schwer, nicht unterrichtsentsprechend halten? Warum werfen wir nicht mal einen Blick auf den Mathematik-Unterricht? Die Abiturienten können nur so gut im Mathe-Abitur sein wie es ihnen im Unterricht beigebracht wurde.
Ich hatte ehrlich gesagt in der Oberstufe Glück mit meiner Mathe-Lehrerin, die mit einer zynisch-realistischen Einstellung uns die Mathematik und auch ein wenig das Leben näher gebracht hat und uns gezeigt hat, dass auch Lehrer keine perfekten Menschen sind so wie jeder Mensch da draußen, und die sich immer wieder sehr anschauliche Beispiele aus den Fingern gezogen hat. Montags kurz vor 8. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass es Lehrer gibt, die Schüler für Nachfragen als unglaublich dumm einstufen und sie das spüren lassen, Lehrer, die unter Umständen selbst nicht mehr so viel Motivation übrig haben. Klar, die gibt es in allen Fächern und nicht nur in Mathematik.
Mathe hat den Ruf, schwierig zu sein. Ich mein, wie viele von euch lesenden Menschen fällt sofort etwas ein, was schwieriger ist als Mathe? Mir fällt organische Chemie ein. Da widersprechen mir aber vermutlich sehr viele Chemiker und entsprechende Studenten. Ich finde in vielen Fällen Sprachen lernen schwieriger als mathematische Verfahren zu lernen, weil Sprachen oftmals nicht so logisch gelehrt werden sie sie sind. In Musik war ich gegen Ende der Schulzeit nicht gut und fand das schwieriger als Mathe. Aber das sind sehr individuelle Erfahrungen, die ich da gemacht habe. Angenommen, in einem beliebigen Raum (Hackspaces ausgenommen) mit zufällig ausgewählten Menschen aus dieser Gesellschaft ruft jemand "Mathe ist voll einfach", so wird derjenige sehr viel Widerspruch ernten. Stellt man sich dieses Szenario mit "Englisch ist voll einfach" vor, so gibt es dabei vermutlich deutlich mehr Zustimmung.
Ich glaube, durch dieses Bild von Mathe bekommen viele Schüler auch eine Art Fluchtreflex immer mal wieder beigebracht. Das ist schade, denn Mathematik ist nichts Schlimmes.

Ich denke aus diesem Grund, dass es notwendig ist, zu überdenken, wie Mathematik an Schulen beigebracht wird. Mathematik ist so viel schöner als ihr Ruf. Zudem ist Mathematik viel notwendiger als ihr Ruf. Auch über den MINT-Bereich hinaus taucht sie in den Wirtschaftswissenschaften und unter Umständen auch in Gesellschaftswissenschaften auf. Auch die empirische Politikwissenschaft kommt nicht ohne Mathematik aus. Ich glaube, viel hängt auch mit dem Bild "Ich verlasse nun die Schule und habe danach nie wieder was mit Mathe zu tun" zusammen, aber so ist es (leider) nicht. Lasst uns aufgrund dieser Beschwerden also lieber überlegen, wie wir den Mathematik-Unterricht gestalten können, damit Schüler die Mathematik besser lernen und verstehen können. Wenn wir das schaffen, dann können wir auch garantiert wieder das Mathe-Abi schwieriger machen, falls das als nötig erachtet wird.