Jun 14, 2019

Eine überdimensionale, aufblasbare Katze, ein Chaos-Event, eine Digitalstrategie und... die FDP

Dieser Beitrag ist vermutlich etwas merkwürdig, denn er handelt zunächst einmal von einer überdimensionalen, aufblasbaren Katze. Fangen wir mal andersrum an. Ich war auf einem Chaos-Event, der Gulaschprogrammiernacht, und es war wie zu erwarten toll. Die Gulaschprogrammiernacht findet jährlich in Karlsruhe dank des dortigen Hackspaces Entropia statt. Vor dem Veranstaltungsgelände tauchte dann allerdings genannte Katze auf.

Riesige, aufblasbare Katze

Das hat viele Menschen und mich sehr erfreut, dass da eine riesige Katze ist, weil Katzen toll sind. Katzen sind Quellen für Memes, sie sind flauschig und ansonsten auch ziemlich tolle Lebewesen. Menschen in meinem Hackspace finden Katzen so toll, wir haben eine eigene Katzengruppe, in die wir andauernd Katzenbilder werfen.

Natürlich ist auch irgendwann die Frage aufgetaucht, woher diese Katze eigentlich kommt, aber niemand hatte so wirklich eine Antwort. Die Polizei Karlsruhe hatte dazu selbst getwittert, dass die Katze nur wenige Tage in Karlsruhe sei, sie den Grund ihres Besuches aber nicht verraten wollte. (Link zum Tweet der Polizei, Achtung, Twitter)
Seit sie kurzzeitig verschwunden war, gab es sogar eine Anfrage an FragDenStaat, eine Plattform, die es ermöglicht, Anfragen an diverse Behörden zu stellen, um Zugang zu bestimmten Dokumenten zu erhalten. (Link zur Anfrage auf fragdenstaat.de)
Nachdem dort noch keine Antwort aufgetaucht ist, habe ich das Thema seit der GPN eigentlich vergessen. Bis ich vor kurzem etwas von der FDP-Fraktion im Bundestag gesehen habe.

Ich wurde darüber auf Twitter aufmerksam und bin dann letztlich auf Facebook gelandet. (Link zum Post der FDP-Bundestagsfraktion, Achtung, Facebook)
In dem Post geht es darum, dass das Ministerium für Inneres, Digitales und Migration in Baden-Württemberg für 2,2 Millionen Euro unter anderem diese große Katze aufgestellt hat. Das ist laut FDP-Fraktion eine Anspielung auf die Beliebtheit von Catcontent im Internet und Teil einer Werbekampagne des Ministeriums. Das dortige Bild suggeriert ähnlich wie der Text, dass die 2,2 Millionen Euro in diese Katze geflossen sind.

Bild der FDP im Facebook-Post, Quelle ist dieselbe wie der Post der Fraktion

Uns lächelt die Forderung an, dass 2,2 Millionen Euro auch in den Glasfaserausbau hätten investiert werden können. Versteht mich nicht falsch, ich finde Glasfaserausbau toll.
Aber ich konnte mir kaum vorstellen, dass nur diese Katze alleine 2,2 Millionen Euro kostet. Ich habe schon einige Prestige-Projekte gesehen, ich konnte mir das irgendwie nicht so ganz vorstellen. Eine aufblasbare Katze, 2,2 Millionen Euro? Da ist irgendwas faul, zumal ja auch die FDP etwas von "unter anderem" schreibt.
Immerhin hatte ich jetzt einen Anhaltspunkt, dass die Katze aus irgendeiner Kampagne kommt. Und was wäre das für eine Kampagne, wenn das entsprechende Ministerium sie nicht bewerben würde? Und, welch Überraschung, es wird tatsächlich auf der Seite des Landes Baden-Württemberg beworben. (Informationskampagne "Alles beim Neuen" auf der Seite des Landes)

Diese Informationskampagne des Landes weist auf die Digitalstrategie des Landes hin. Die ganze Werbekampagne hat ein Budget von 2,2 Millionen Euro und das nicht einmalig, sodass wir ein paar Wochen was davon haben, sondern zwei Jahre lang. Die Katze ist das Maskottchen. Das Geld ist letztlich für eine Werbeagentur.
Wollen wir das doch mal in Relationen setzen. Weil ich es irgendwie lustig finde, den Zeitraum von zwei Jahren mit den Monaten vor einer Wahl zu vergleichen, nehmen wir doch einfach mal die Ausgaben der Parteien zur Bundestagswahl 2017. (Ausgaben der Parteien zur Bundestagswahl, Achtung, Merkur)
Die SPD steigt mit 24 Millionen Euro, alleine die CDU mit 20 Millionen Euro, die Linke mit 6,5 Millionen Euro, die Grünen mit 5,5 Millionen Euro und die FDP mit 5 Millionen Euro ein. Gut, damit bespielen sie zwar die gesamte Bundesrepublik, aber gleichzeitig tun sie das nur wenige Wochen und Monate vor der Wahl.

Wagen wir doch mal den Schritt zu der Webseite, die mit der Kampagne zusammenhängt. Die Webseite ist unter https://www.digital-bw.de zu finden. Ich fühle mich davon ehrlich gesagt ein wenig erschlagen, aber na ja, ich bin vermutlich auch nicht die Zielgruppe dieser Seite. Ich finde Katzen und Glasfaser ja jetzt schon toll. Ich bin ein Digital Native, ich bin mit all dem aufgewachen und habe eine gewisse Ahnung. Die Seite ist letztlich viel Buzzword-Bingo. Ich weiß nicht genau, warum man unbedingt eine Forschungseinrichtung zu künstlicher Intelligenz als Cyber Valley bezeichnen muss. Oder unglaublich oft irgendwelche Menschen mit VR-Brillen zeigt. Auf die Verfahren zur Bürgerbeteiligung mit Augmented und Virtual Reality bin ich gespannt.
Ansonsten bin ich ehrlich gesagt beeindruckt davon, wie viel Javascript man auf eine Seite packen kann, ohne dass irgendwas kaputt geht. Da ist viel Content mit drin, auch wenn der sich gerne mal wiederholt. Das könnte deutlich schlechter sein. Warum hat eigentlich nur Baden-Württemberg so was?
Dazu kommt leider immer noch, dass die Politik die Digitalisierung verpennt hat. Solche Kampagnen vor zehn, zwanzig Jahren, solche Maßnahmen vor zehn Jahren, wären echt was Tolles gewesen.
Abgesehen davon ist da auch einiges dabei, was ich als problematisch erachte. Bodycams für die Polizei ist nicht nur ein Risiko für die Freiheit, sondern auch für den Datenschutz. Das wird auch nicht besser, wenn die Aufzeichnungen auf Servern der Polizei statt auf einer Cloud gespeichert werden. Ich will nämlich nicht, dass irgendwas gespeichert wird. Ähnlich ist es mit dem mit Alexa verknüpften Burgerservice einer Kommune. Dieser Heimassistent von Amazon stand ja bisher schon mehrmals in Kritik, mit Benutzungsdaten nicht gerade toll umzugehen.

Cool, aber was genau ist jetzt mit dem Glasfaserausbau? Laut der Seite des Landes Baden-Württemberg fließt eine Milliarde in dieser Legistlaturperiode in den Bereich Digitalisierung. Davon landet die Hälfte im Infrastrukturausbau. Ja, es wäre durchaus interessant zu wissen, was mit der anderen Hälfte passiert. Aber so landet 227 Mal so viel im Ausbau von Infrastruktur als für die Informationskampagne vorgesehen ist. Würde man dies alles in Glasfaserausbau investieren, würde es sich um 7000 Kilometer Glasfaser handeln.
Ich werde jedenfalls gespannt die Strategie Baden-Württembergs beobachten und mal schauen, was noch so passiert. Vielleicht kommt ja mal tatsächlich was Sinnvolles im Bereich Digitalisierung raus.

Update: Die Anfrage bei FragDenStaat wurde beantwortet. Es liest sich durchaus interessant, aber jener Punkt, mit den Kosten der Katze für sich alleine, wird auch beantwortet: "Für 6.061,- Euro netto konnte sie vom Hersteller freigekauft werden." Damit werden rund 0.3 Prozent des Gesamtbudgets für diese Katze ausgegeben.