Mär 11, 2019

Meine eigene Verkehrswende: Vom Landei zum Stadtbewohner

Fahrverbote, neue Mobilitätskonzepte, leistungsstarke Elektroautos, Erhöhung der Bahnpreise, der Wunsch nach niedrigeren Bahnpreisen und teureren Flugreisen, insbesondere Inlandsflügen, ist immer mal wieder in aller Munde. Aus diesem Grund möchte ich darüber schreiben, wie ich persönlich das Thema Verkehr erlebt habe, je nach Lebenssituation. Ich behaupte von mir, ein Verständnis für die Menschen zu haben, die nicht auf ihr Auto verzichten können, sei es ein Diesel oder Benziner, und die, die nahezu alle weiteren Verkehrsmittel nutzen können.

Aufgewachsen bin ich im nördlichen Saarland in einem Dorf mit 600 Seelen. Es hört sich genauso weit ab vom Schuss an wie es ist. Der Busverkehr reicht, um zumindest morgens zur Schule hin zu kommen und mittags teilweise ohne größere Zeitverluste zurück. Freunde mit dem Bus besuchen fahren, ins nächstgrößere Dorf fahren? Funktioniert nicht. Von einer Bahn konnte ich damals nur träumen, der nächste Bahnhof lag noch weiter weg als meine Schule.
Ähnlich ist es natürlich auch für meine Eltern, die beiden haben einen Job. Für meine Mutter hätte es vielleicht noch eher funktionieren können, mit dem Bus zur Arbeitsstelle zu kommen, allerdings das wieder mit einem Zeitverlust. Mit der Verantwortung für ein Kind allerdings, zu dem man im Notfall schnell fahren und es beispielsweise zum Arzt bringen kann, ist das ein nicht wirklich akzeptabler Zeitverlust. Gerade in meiner Jugend, als ich noch monatlich mit deutlich schmerzhafter ausgeprägten Menstruationskrämpfen zu tun hatte, wäre ein "Dann fahre ich halt mit meiner Mutter mit dem Bus nach Hause" mit einem deutlichen Zeitaufwand verbunden gewesen. Sie hätte erstmal irgendwie zu mir kommen müssen und ich dann mit dem Bus nach Hause. Mit zwei Bussen, die je nach Unterrichtsende zu mir nach Hause überhaupt ohne Umsteigen durchgefahren sind, schwierig. Ein Auto ist somit eine unbedingte Notwendingkeit. Abgesehen davon, später in meiner Schulzeit, mit steigener Jahrgangsstufe, hatte ich auch immer öfter am Nachmittag Unterricht. Nach Hause mit dem Bus? Nur mit Umsteigen. Was dann auch mal gerne über eine Stunde gedauert hat für eine Strecke, die mit dem Auto in 15 bis 20 Minuten möglich ist. Mein Vater hat es übrigens noch schlimmer, zu seinem Arbeitsplatz und zurück käme er so gut wie gar nicht mit Auto. Außer, er würde den ganzen Tag mit dem ÖPNV durch die Gegend fahren und käme nur noch zum Schlafen nach Hause. Ausflüge am Wochenende mit der Familie, Verwandtschaft besuchen, einen größeren Einkauf machen? Unmöglich ohne Auto.
Wenn solch ein Auto sowieso da ist, ist es übrigens auch bequemer, damit in Urlaub zu fahren. Die Bahnpreise lohnen sich dabei einfach nicht mehr.

Mit 16 machte ich dann den Mofaführerschein, aber nicht, um ein Mofa zu fahren, sondern ein Auto, das höchstens 45 Kilometer pro Stunde fahren kann, ein sogenanntes Leichtkraftfahrzeug. Das entlastete meine Eltern von meiner Fahrbereitschaft und erlaubte mir, zumindest schon mal erste Erfahrungen mit etwas Fahrbarem zu machen. Lustigerweise hat mich das Fahren eines Mofas wie in der Prüfung keineswegs auf dieses Auto vorbereitet, welch Überraschung!
Aber noch zum Auto selbst, wir stellten uns natürlich die Frage nach der Antriebsart. Für die doch nicht so ewig lange Strecke kam theoretisch auch ein Elektroauto in Frage. Allerdings waren zu dem Zeitpunkt diese Autos in gebraucht, Elektroantrieb und bezahlbar so gut zu finden wie Einhörner, nämlich gar nicht. Ein solches, neues Elektroauto kostet gerne mal 10000 Euro, ein Betrag, den meine Eltern logischerweise nicht dafür ausgeben wollten, sodass es letztlich ein gebrauchter Diesel wurde. Ja, ich bin selbst (ehemalige) Dieselfahrerin, einfach, weil es irgendwo notwendig war.
Mein Vater fährt noch bis heute Diesel, sein Auto habe ich mir mal für ein Festival geliehen. Es ist ein Familienwagen, darin kann man gut schlafen, wenn man die Rücksitzbank ausbaut. Auf einer einfachen Strecke von 350 Kilometern Spritkosten von 15 Euro zu haben, weil Diesel und weil sparsam gefahren, ist schon geil.
Irgendwann wurde ich dann 17 (begleitendes Fahren) bzw. 18 und wechselte auf einen (gebrauchten) Benziner. Die einzige Bedingung an dieses Auto von mir war: Es fährt. Ich meine, für eine Fahranfängerin braucht es keinen Neuwagen und ein Elektroauto war für den Preis auch nicht drin. Zudem behaupte ich mal, dass ein entsprechend großer Akku für weite Strecken, die ich dann irgendwann auch gefahren bin, den preislichen Rahmen viel zu sehr gesprengt hätte.
Unter anderem durch Parteiengagment kamen dann weite Strecken. Eine der weiteren Fahrten war beispielsweise nach Konstanz oder Kassel, aber auch "nur" nach Saarbrücken war da dabei und irgendwie habe ich in der Zeit einige tausende Kilometer gesammelt.

Geendet hat diese Zeit des vielen Fahrens dann, als ich von zuhause ausgezogen bin. Raus aus dem Dorf, rein in die Stadt, womit übrigens die weiteste, regelmäßige Strecke, die ich aktuell zurücklege, zwischen Regensburg und dem Saarland ist. Da mache ich für die Hin- und Rückfahrt schon die tausend Kilometer voll. Natürlich könnte ich diese Strecke auch mit der Bahn oder mit dem Bus fahren. Das tue ich aber oftmals nicht, weil ich da schon Wochen im Voraus buchen muss. Von heute für die nächsten Wochen sieht es preislich für die Hinfahrt so aus:

Bahnguru für die Sparpreise der nächsten Wochen

Dabei muss ich aber meistens schon irgendwann gegen sechs Uhr losfahren. Will ich irgendwann zwischen neun Uhr morgens und sieben Uhr abends los, wird's düster.

Bahnguru für die Sparpreise der nächsten Wochen zu humaneren Abfahrtszeiten

Für die Rückfahrt sieht es sehr ähnlich aus und für diese Bahnpreise könnte ich vermutlich sämtliche Abschnitte der Autobahn, auf denen nicht gerade ein Tempolimit ist, mit Geschwindigkeiten um die 180 Kilometer pro Stunde fahren, wobei mein Auto übrigens kaum schneller fahren kann, ich würde vermutlich mit der Summe an Geld, die ich fürs Tanken bezahle, den Bahnpreis unterbieten. Mit dem Fernbus wäre die Fahrt eine weitere Katastrophe. Entweder, ich fahre nachts los, steige nachts um oder bin statt knappen zehn Stunden knappe vierzehn Stunden unterwegs. Abgesehen davon müssen meine Eltern mich von all diesen Standorten selbst mit dem Auto abholen, wir erinnern uns an die ÖPNV-Problematik in meiner Heimat. Immerhin wäre der Fernbus günstiger als die Bahn und das Tanken. Fahre ich die Strecke hingegen mit dem Auto, brauche ich so fünf bis sechs Stunden. Ich bin nicht die schnellste Fahrerin, mache ab und an auch längere Pausen und lasse mir vor allem Zeit. Abgesehen davon fühlt die A6 sich manchmal an wie eine einzige Baustelle. Jedenfalls bringt mir das den Vorteil, dass ich flexibel bin, wann genau ich losfahre. Und ich kann zudem fahren, wann ich möchte und muss nicht darauf achten, dass meine Eltern mich zum Bahnhof fahren können, um den Sparpreis nehmen zu können, weil sie ja auch arbeiten. Gemacht habe ich das übrigens nicht zum 35c3, weil mir die Strecke Regensburg-Saarland-Leipzig-Regensburg dann doch etwas zu krass war.
Aber ansonsten nutze ich mein Auto recht selten. Ich war vor kurzem zum ersten Mal für dieses Jahr tanken. Ich wohne in Regensburg und so oft ich über den RVV fluche, weil irgendwas einfach nur schlecht geplant ist, es ist besser und deutlich frequentierter als das, was ich gewohnt bin. Ich komme in Zeiten, die vollkommen okay sind, von mir zu anderen Orten. Autofahren wäre da einfach nur schlecht für meinen Blutdruck, weil Autofahen und Parkplatzsuche in einer Stadt doch schon anstrengender sind und ich eben nur bei mir in der Wohnung den Luxus eines Tiefgaragenstellplatzes habe. Abgesehen davon kann ich je nach Strecke auch einfach zu Fuß gehen. Mein Auto nutze ich also bei größeren Einkäufen, Mate-Kästen möchte ich ungern durch Busse schleppen, oder wenn mir die Busverbindung einfach zu schlecht ist und zu lange dauert oder wenn ich doch mal ein paar Meter weiter fahre wie nach Nürnberg, wenn ich die Sorge habe, abends keinen Zug zurück mehr zu erwischen. Allerdings ist das so selten, dass ich den Winter über die ziemliche Sorge hatte, dass meine Autobatterie das trotz wärmerer Tiefgarage nicht durchhält.

Meine Verkehrswende ist einher gegangen mit einem Umzug, einfach, weil ich jetzt vollkommen neue Möglichkeiten habe. Ich verstehe, warum manche Menschen immer noch ihren Diesel und ihren Benziner fahren: Weil sie auf dem Land schlicht keine andere Wahl haben. Das heißt nicht, dass man sich für 100000 Euro in Stuttgart einen Mercedes kaufen muss, wie ich letztens bei Maischberger einen Dieselfahrer fluchen hörte, und sich dann darüber aufregt, dass man sich kein Auto leisten kann, das kein Diesel ist und dass diese Fahrverbote sowieso das Böse sind. Gleichzeitig bemerke ich dadurch, wie viele Anreize ÖPNV eigentlich braucht. Ich glaube, wenn ich mein Busticket nochmal extra zahlen müsste, würde ich vielleicht sogar öfter Auto fahren. Dadurch, dass ich als Studentin ein Semesterticket habe und damit automatisch zahle, habe ich das Gefühl, dass sich das lohnt. Für knapp 200 Euro im Jahr den ÖPNV in und um Regensburg nutzen ist für mich schlicht und ergreifend lohnenswert, insbesondere, wenn ich mir überlege, dass meine Eltern Busticket zu Schulzeiten 55 Euro im Monat gezahlt haben.
Ich überlege auch seit einer Weile, beim Carsharing der Stadt mitzumachen. Das ist eine einmalige Anmeldung für 30 Euro und dann für mich als Studentin 1,50 Euro die Stunde, in der ich mir dann ein Elektroauto "ausleihe". Das wäre eine Option, mein Autofahren mit Benzin ein wenig sparsamer zu gestalten. Aber die Verkehrswende endet ja nicht hier. Politisch betrachtet ist noch einiges zu tun. ÖPNV hat in meinen Augen die Aufgabe, einen Anreiz zu bieten, eben nicht das Auto zu nutzen.