Dez 31, 2019

Post-Congress-Stimmung, Jahreswechsel, Hack Back: Über Datenschutz und Chaos

Ich glaube, ich habe bisher selten einen Beitrag ohne ein wirklich festes Thema, sondern mit mehreren Themen auf diesem Blog geschrieben. In diesem Fall bin ich mir ehrlich gesagt gar nicht sicher, ob ich überhaupt einen Themenbegriff habe, unter dem ich das, was ich hier erwähne, zusammenfassen kann. Ich habe es in dieser Überschrift mal versucht, aber es so mehr oder weniger zeitlich festgemacht an dem, was ich gerade erlebt habe oder erlebe. Das hier wird auch weniger ein Jahresrückblick werden. Es ist eher eine Ansammlung der Gedanken, die gerade in meinem Kopf rumschwirren.

Gerade sitze ich auf der Heimfahrt vom 36c3 im Zug und habe damit meinen zweiten Congress hinter mir. Letztes Jahr war mein erster Congress und es wird irgendwie nicht weniger geil. Dieses Mal hatte ich auch genauere Vorstellungen davon, in welche Talks ich gehen möchte und welche ich mir im Nachhinein anschauen will. Congress ist dann halt doch deutlich mehr als Talks. Besonders angeregt hat mich der Talk, in dem es um die Snowden Refugees ging und Snowden selbst im Livestream noch dazu geschaltet wurde.

Die Enthüllungen im NSA-Skandal von Edward Snowden ist eines der Ereignisse, die meine Jugend mit am meisten politisch geprägt hat. Normalerweise erwähne ich an dem Punkt meiner Politisierung immer das Abkommen ACTA, an das sich vermutlich noch einige erinnern werden. Die Snowden-Enthüllungen kamen aber schon bald später, gerade, als ich begann, mir mehr oder weniger Gedanken über meine Privatsphäre und meine Daten zu machen.
Das Resultat? Ich begann, meine Mails zu verschlüsseln oder zumindest zu signieren. Ich nutzte den Tor Browser zum Surfen im Netz und deaktivierte so oft wie es ging bei meinen Online-Profilen bestimmte Tracking-Möglichkeiten oder deaktivierte die Ortungsdienste auf meinem Handy. Im Grunde genommen waren das Minimalmaßnahmen und ich war auch nicht "perfekt". Ich nutzte beispielsweise Facebook, nachdem ich ein, zwei Jahre später meinen Account löschte.
owieso bin ich der Meinung, dass es nicht die Aufgabe der Nutzenden ist, sich der Macht von datensammelwütigen Konzernen entgegenzustellen, insbesondere, wenn sie aus welchen (sozialen) Gründen auch immer diese Dienste nutzen sollten. Das beginnt bei sozialem Druck durch Gleichaltrige und geht über Informationserlangung. Auch heute besitze ich wieder einen Facebook-Account, den ich unter anderem für die Landtagswahl im Saarland 2017 und für die Bundestagswahl 2018 als Kandidatin brauchte, um eben diese Plattform bespielen zu können. Es ist schlicht und ergreifend nicht der Job von Einzelpersonen, ihren Datenschutz durch Abstinenz durchzusetzen. Dafür haben wir Gesetze und Regierungen. Nur wird das zum Problem, wenn unsere Regierungen der Meinung sind, uns auch überwachen zu müssen.
Jedenfalls hatte mein jugendliches Ich mehrere Gelegenheiten genutzt, den eigenen Datenschutz zu verteidigen. Ich habe die "Ich habe doch nichts zu verbergen"-Diskussion sehr oft geführt. In diesem Zusammenhang habe ich mich trotz des sozialen Drucks geweigert, WhatsApp zu installieren. Skype, was für mich das war, was für die heutige Generation an Jugendlichen Discord ist, wollte ich immer gegen etwas Sinnvolleres eintauschen, in dem Fall Tox, was dann allerdings nur mein Vater und ich verwendet haben. Das Härteste war tatsächlich die WhatsApp-Diskussion, weil sie immer wieder und so oft stattfand. Das war in den Zeiten, in denen WhatsApp noch keinerlei ernsthafte Verschlüsselungsbestrebungen hatte. Es ist nicht einfach, als Jugendliche nahezu alleine gegenüber Klassenkamerad'innen immer wieder zu verargumentieren, warum ich mich auch nicht dort noch überwachen lassen möchte. Mittlerweile war ich nicht ganz alleine, sondern hatte einen Freund, der diesbezüglich ähnlich eingestellt war. In der Oberstufe habe ich diese Policy aufgegeben, weil relevante Planungen über eine WhatsApp-Abi-Gruppe stattfanden. Besagter Freund ist einer der wenigen, ehemaligen Mitschüler'innen, mit denen aktuell ich über einen Messenger mit deutlich besserer Datenschutz-Politik kommuniziere(n kann).

Was hat dieses Wissen nun mit mir, mit mir jetzt, zu tun, die ich wieder Facebook habe und widerwillig WhatsApp nutze? Weil ich immer noch so bin und versuche, auf solche "Kleinigkeiten", die eigentlich gar keine Kleinigkeiten sind, irgendwie zu verzichten oder sie zumindest zu kritisieren, dem Thema eine Stimme zu geben. Beispiele?
Diese Webseite hier liegt auf einem Server, der zwar nicht von mir gehostet wird, deren Techniker mir aber mehr als gut bekannt ist, und dessen Serverlogs zu einem unglaublich großen Teil unangesehen im Speicher vergammeln und höchstens mal fürs seltene Debugging in diesem Bereich angeschaut werden. Mein einziges Cookie tut mir jedes Mal wieder leid, aber das ist das, was mich davon abhält, die mathematischen Formeln, die in diesem Blog vorkommen, als Bild einzufügen.
In meinem HTML- und CSS-Kurs an der Uni war es mir super wichtig, mir Tools anzuschauen, mit denen ich meine Schriftarten lokal hosten kann, also nicht über Google Fonts oder so was einbinde. Ja, das mag eine Kleinigkeit sein, aber mir dennoch wichtig.
Ich bemerke immer mal wieder, dass ich mich ärgere, wenn ich irgendwo meine Daten rausgeben soll: Sei es in der Boulderhalle bei der Anmeldung oder wenn es darum geht, dass der Tutor in einem Kurs zusätzliche Informationen über Google Classroom teilt. Wenn ich fliege, dann bin ich eine der wenigen Personen, die sich weigert, einen dieser Nacktscanner zu verwenden.
Das kann in speziellen Fällen auch so weit gehen, dass ich mit Diskussionen beginne. In einem Kurs habe ich eine ganze Grundsatzdiskussion mit einem Dozierenden geführt, weil wir für ein notwendiges Projekt für unsere Datenbank eine Cloud benutzen sollten, die letztlich auf Amazon Web Services läuft und dabei natürlich auch Daten abgebe, seien es nur Metadaten.
Ich verwende außerdem unglaublich gerne GitHub und alleine meine Commits sind voller Metadaten über mein Arbeitsverhalten, sodass ich hin und wieder meine Commit-Zeit-Informationen ändere.
Ich bin mir über all diese Problematiken bewusst und mich schockiert es, dass anderen Menschen, die eigentlich ein ähnliches Wissen haben (sollten), das egal zu sein scheint oder es als nicht so wichtig ansehen. "Ich habe doch nichts zu verbergen", allen voran, gerne dann auch in spezifischen Zusammenhängen auch "Das sind doch nur Metadaten" oder "Du hast doch auch bei $Datensammel-Service einen Account". An der Stelle will ich auch nicht den Nutzenden den Vorwurf machen, sich nicht genügend zu verteidigen. Denn auf der anderen Seite kann ich nachvollziehen, wie anstrengend dieses Thema sein kann. Alternativen suchen, Menschen von diesen Alternativen überzeugen, selbst jeden einzelnen Dienst überprüfen, feststellen, welche Macken und Bugs Alternativen haben, es ist teilweise echt ein Trauerspiel.
Ich selbst bin da alles andere als eine Ausnahme. Ich nutze einen nicht gerade für Datenschutz bekannten Mailprovider (nein, nicht Gmail), nutze ein Android-Smartphone, dessen Android nicht frei ist, habe einen Instagram-Account und sicherlich kann man noch 2342 andere kritische Datenschutzpunkte finden. Es ist anstrengend. Und es fühlt sich lediglich an wie einen Tropfen auf den heißen Stein, denn wenn ich dann doch letztlich wieder Chrome verwende oder mal die Unterstützung von Google Maps für die Wegfindung mit dem ÖPNV auspacke, dann fühlt es sich danach an, dass ich es ja gleich wieder lassen könnte, denn jetzt werden meine Daten sowieso gesammelt und ich werde sowieso überwacht. Gleichzeitig sehe ich nicht die direkten Auswirkungen dieser Überwachung.

Spannen wir den Bogen zurück zum 36c3 und zu Snowden. Die Teilnehmenden des 36c3 sind zu einem unglaublich großen Teil Leute, denen es wahrscheinlich irgendwo ähnlich geht wie mir, die ihren Datenschutz sehr mögen. Verdammt, dieses Event hat einen großartigen Umgang mit Bildmaterial: Nur Bilder von Leuten, die dem explizit zugestimmt haben. Und trotzdem gab es während des gesamten Events im Minutentakt Mitteilungen auf Twitter, einem Dienst, der nicht gerade bekannt für Datensparsamkeit ist. Wir sind alle nicht "perfekt" und diese Art der Perfektion als Nutzende ist auch gar nicht unsere Aufgabe.
Gleichzeitig gibt es Menschen wie Edward Snowden, einen Helden, der so viel dafür auf sich genommen hat, damit wir alle wissen, dass nicht nur Konzerne uns überwachen, sondern dass die, die unsere Daten eigentlich verteidigen sollten, an dieser Überwachung Teil haben. Das ist heute so und das war es leider schon in meinem Jugend, als ich politisiert wurde. Zu sehen, wie wenig Menschen dies außerhalb zu interessieren scheint, wie viele Menschen nichts zu verbergen haben, das kann weh tun.
Gleichzeitig möchte ich nicht, dass dieses Gefühl des Schmerzes auf die Ignoranz das ist, was bleibt, bis ich selbst irgendwie abgehärtet bin und es mich nicht mehr interessiert. Chaos-Events zeigen mir immer wieder, dass es möglich ist, Infrastrukturen und technische Utopien zu bauen, in denen es eben nicht darum geht, Daten zu sammeln und Privatsphäre zu hintergehen. Diese Veranstaltungen und auch chaosnahe Räume wie Hackspaces und mein Home (Hack) Space sind für mich das Beispiel, dass solch eine technische Utopie existieren kann, sie sind mein "Hack back" an diese Gesellschaft(en) und die datenhungrigen Resultate.

Somit komme ich vielleicht doch zu etwas, was als Neujahrsvorsatz bezeichnet werden könnte, was aber vielleicht auch einfach nur ein Arschtritt in Richtung mir selbst ist, weil diese Vorsätze nicht erst zum neuen Jahr kommen.
Ich möchte eigentlich wieder anfangen, meine Mails zu verschlüsseln. Das ist damals hinten runter gefallen, als mein altes MacBook den Geist aufgegeben habe und ich es mir nie neu eingerichtet habe. Mittlerweile ist es damit auch nicht mehr kostenlos und einfach möglich, Mails mit dem Apple-Mailprogramm zu verschlüsseln. Also werde ich meine Mails auf beispielsweise Thunderbird umziehen müssen. Damit kann ich Thunderbird auch gleich auf meinem Manjaro einrichten. Aber wenn ich sowieso schon beim E-Mail-Punkt bin, ich bin aus mehreren Gründen mit meinem Mailanbietenden nicht mehr zufrieden. Insofern wird es da auch Zeit für einen Wechsel zu Posteo oder mailbox.org. Dazu würde auch passen, mal mit Accounts aufzuräumen, Datenspuren beseitigen. Dazu habe ich noch die ein oder andere App, die meine Daten zu Geld umwandelt. Also entweder begebe ich mich dort auf die Suche nach einer Alternative oder ich bastle was eigenes. Zumindest, wenn eine Alternative Funktionen nicht hat, die ich vorher hatte, bietet sich so was an. Gedanken über meinen Standard-Browser darf ich mir wahrscheinlich auch noch im kommenden Jahr machen: Chromium und Adblocker sind eine Geschichte für sich. Eigentlich würde ich auch gerne einen Cloud-Service verwenden, aber alles, was da aktuell für mich realistisch in Frage kommt, ist eine selbst gehostete Nextcloud. In dem Fall bin ich eigentlich eher an dem Punkt, es erstmal zu lassen. Ich habe sonst die Sorge, dass ich irgendwann einen Selbsthosting-Trend entwickle. Das ist im Grunde genommen ja auch nichts Schlechtes und ich traue mir durchaus zu, die notwendige Kompetenz dafür zu erwerben. Aber ich finde, nur weil ich mich nicht überwachen lassen will, sollte die Lösung keineswegs sein, dass ich einfach beginne, möglichst viel selbst zu hosten.
Das ist vor allem keine Lösung für alle: Nur, weil ich mir zutraue, etwas zu können, bedeutet das nicht, dass sich jetzt alle eine Nextcloud hosten können, weil sie keine Lust haben, dass irgendwer Spaß mit ihren Daten hat. Das würde bedeuten, dass jede Person, die nicht dazu in der Lage ist, dann eben kein wirkliches Anrecht auf Datenschutz hat. Zu diesem Schluss sollten wir niemals kommen. Datenschutz muss für alle Menschen existieren, egal, wie ausgeprägt die eigenen, technischen Fähigkeiten sind.

In dem Sinne: Ich werde 2020 weiter Diskussionen über Datenschutz führen und an gewissen Stellen protestieren und diskutieren, egal, wie alleine oder nicht ich mir dabei vor komme. Im Grunde genommen geht das nämlich uns alle etwas an.