Mai 06, 2019

Von der Verantwortung der Lehre an Universitäten

Der Titel des Beitrags lässt es schon erahnen. Für diejenigen, die mir auf diversen sozialen Medien folgen, ist es nicht ungewöhnlich, dass ich, nachdem ich schon das ein oder andere Mal anekdotenhaft über die Lehre an meiner Universität und meinen Veranstaltungen berichtete, vielleicht einmal einen längeren Beitrag darüber schreibe. Dabei soll es nicht nur um das Phänomen der if-Schleife in Programmierkursen der studienbegleitenden IT-Ausbildung gehen, sondern meine persönlichen Erfahrungen mit der Lehre an Universitäten sowie einem gewissen Teil an Kritik. Ich möchte darauf hinweisen, dass meine Perspektive eben die einer Studentin ist und ich hier meine persönlichen Erfahrungen und Gedanken schildere. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass das, was ich sage, nicht auf alle Lehrenden in allen Studiengängen zutrifft. Abgesehen davon haben viele Lehrende noch ihre eigenen Probleme wie eine angemessene Bezahlung.

Beginnen möchte ich eigentlich von einem anderen Standpunkt aus. Studium ist für uns Studierende Eigenverantwortung. Wir können selbst entscheiden, wann wir wohin kommen und gehen, meistens zumindest. Natürlich gibt es auch Pflichtveranstaltungen mit Anwesenheitspflicht, in der Chemie auch bekannt als Praktikum im Labor. Das ist aber eine der wenigen Anwesenheitspflichten, die ich als sinnvoll erachte. In dem Fall ist es unsere Verantwortung, entsprechend auf die Versuche vorbereitet zu sein, damit wir uns oder jemand anderem eben nicht versehentlich schaden. Aber ansonsten ist alles unsere Verantwortung: Dass wir die Fristen für Protokolle einhalten, dass wir uns auf Prüfungen vorbereiten, dass wir uns dafür rechtzeitig anmelden, sehr viel an Organisation ruht eben auf Studierenden. Ich bin grundsätzlich ein großer Fan von diesem Konzept, es fördert meine eigene Zeiteinteilung und lässt mich gewissermaßen selbstständig arbeiten. Das Konzept eines Studiums bringt eben viel Organisation mit sich, dafür auch mehr Freiheiten.
In der Chemie ist das allerdings eingeschränkter als in anderen Studiengängen, zumindest in Regensburg im Bachelor. Eine gewisse Freiheit, was ich wann tue, ist dabei, aber ich kann es kaum ausreizen. Einige Veranstaltungen verlangen ein Bestehen bereits vorheriger, die maximale Studiendauer endet bei acht Semestern ohne weitere Konsequenzen, die Regelstudienzeit beträgt sechs Semester. Wirklich wählen was ich wann mache, kann ich kaum. Zudem kann ich kaum überhaupt wählen, was ich mache. Im ganzen Bachelor-Studium gibt es ein Wahlpflichtfach, ein Einziges. Der Rest ist vorgeschrieben und ein dreimaliges Nichtbestehen einer Prüfung bedeutet die Exmatrikulation. Diese Freiheit, nur Grundvorlesungen zu hören und den Rest selbst zu wählen, fehlt also im Chemiestudium wie ich es kennengelernt habe vollkommen.

Dadurch ergibt sich auch eine gewisse Machtstellung für jeden einzelnen Lehrenden und ich glaube, hier liegt der Beginn eines Problems, das allerdings nicht nur die Chemie betrifft. Jede Prüfung kann die letzte Prüfung sein. Das gilt nicht nur für die Chemie, sondern insgesamt. Ist ein Studium so aufgebaut wie das der Chemie, dann wird es dadurch natürlich noch ein wenig krasser.
Ob jemand Prüfungen besteht oder nicht, hängt zudem zu einem nicht unerheblichen Anteil vom Dozenten ab. Natürlich ist es die Aufgabe von Studierenden, den Stoff entsprechend nachzuholen, versuchen zu verstehen und Ähnliches. Aber wie leicht oder schwer es einem Studierenden dann letztlich fällt, das ist auch abhängig vom Dozenten. Wie gut wird ein Thema erklärt? Wie schnell wird der Stoff durchgenommen? Welche Vorkenntnisse werden erwartet? Und wie ist die Klausur gestellt? Die Art und Qualität der Lehre ist ein entscheidener Faktor. Nicht umsonst können sich manche Dozenten vor einen Hörsaal stellen und sagen "Ich werde den Zweitversuch bewusst schwieriger machen, da hat man ja auch mehr Zeit zum Lernen!", immerhin haben sie einen unglaublich großen Einfluss auf die Klausur. Sie stellen sie nämlich und können dabei ihre Willkür erfahrungsgemäß ziemlich stark ausreizen.
In der Konsequenz können sich Studierende nicht dagegen wehren, selbst wenn es schon bemerkenswert unfair wird. Dann gilt nämlich einfach der jeweilige Dozent als besonders hart und seine Klausuren als entsprechend schwierig. Wirkliche Konsequenzen auch bei hohen Durchfallquoten gibt es nicht. Wir haben ab und an Evaluierungen der Vorlesungen, die die Qualität der Lehre sicherstellen sollen. Gerne werden sie mit dem Hinweis ausgeteilt, dass unsere Antworten, auch das handschriftlich Geschriebene, anonymisiert werden. Manche laufen immerhin auch online, das ist grundsätzlich zu befürworten, denn da fehlt die Handschrift. Jedenfalls kam es nun dooferweise vor, dass eine solche Vorlesungsevaluierung anstand. Die Antworten bekam der jeweilige Dozent auch erst nach Korrektur der Klausur, anonymisiert. Kommen wir zu einem kleinen Plottwist: Das Feedback der Evaluierung wurde nochmal angesprochen, dabei war auf Folien die Handschrift der Studierenden zu sehen, also nichts mit Anonymisierung. Es hatte zudem einen unschönen Beigeschmack, dass dies direkt vor der Besprechung der Klausur stattfand.
Nächstes Beispiel? Ein Dozent stellt in seinen Folien zu jedem Thema am Ende eine Übersicht zur Verfügung, die die klausurrevelanten Themen aufgreift. Die Themen in der Klausur gehen über diese vorher deklarierten, klausurrevelanten Inhalte hinaus. Etwa 40% derjenigen, die die Klausur mitschreiben, fallen durch. Die Aussage des Dozenten war in einer der Vorlesungen davor war "Der Erstversuch wird bestehbar. Für den Zweitversuch haben sie ja mehr Zeit zum Lernen." Die Ergebnisse des Zweitversuchs? 70% fallen durch und das auch nur, weil diesmal nicht mehr 50% der Punkte notwendig ist, um zu bestehen, sondern nur noch 40%. Wäre die Hälfte der Punkte notwendig gewesen, würde es sich um eine Durchfallquote von 95% handeln. An dieser Stelle könnte man nun darüber debattieren, dass es vielleicht nicht didaktisch sinnvoll ist, denjenigen, die sowieso schon Probleme mit dem Thema hatten, absichtlich eine schwierigere Klausur vorzusetzen. Auch die Erklärung "Das ist die Verantwortung der Studierenden, da hätten sie halt mehr lernen müssen" halte ich in dem Fall nicht für ausreichend.
Einzelfall? Ich befürchte leider nicht. Zu Beginn des zweiten Semesters begrüßte uns ein Dozent mit den Worten, dass es dem aktuellen vierten Semester nicht so gut geht. Auf etwa 70, 80 Studierende liegen 50 Drittversuche vor. Manche haben zwar mehrere, aber das ist trotzdem schon eine... größere Zahl an scheiternden Studenten.
Daneben gibt es noch die Erzählung einer Klausur, in der 15 Studierende im Zweitversuch angetreten sind. 12 oder 13 hatten daraufhin einen Drittversuch, den einer bestanden hat. Die Moral von der Geschichte? Eigentich haben Studierende laut Prüfungsordnung drei Versuche, aber je nach Dozent doch nur einen.
Gleichzeitig zeigen Vergleiche mit Lehrmaterialien vorheriger Lehrender einer Veranstaltung gerne mal, wie viel Spielraum überhaupt herrscht und dass der dann doch größer ist als erwartet.

Worauf möchte ich nun mit diesen Erzählungen hinaus? Lehrende Menschen haben Macht, sie haben die Macht, Studierenden ein Bestehen einfach oder schwierig zu machen. In kaum einem Fall können Studierende wirklich dagegen vorgehen. Dann gilt nun einmal eine bestimmte Vorlesung mit einem bestimmten Dozenten als besonders schwierig, aber das wissen die Studierenden ja und es liegt in ihrer Verantwortung damit umzugehen. Oder nicht? Zu einem gewissen Teil mag das stimmen, aber eine gewisse Macht bleibt. Aus solch einer Macht folgt eine gewisse Verantwortung. Ich bin der Meinung, dass Lehrende die Verantwortung haben, eine Ausbildung von (jungen) Menschen nach bestem Wissen und Gewissen durchzuführen.
Das beginnt schon bei der Bereitstellung der Lehrmittel. Manche Dozenten sind so freundlich und stellen sämtliche Unterlagen online zur Verfügung. Andere stellen gar nichts zur Verfügung und manche stellen nur Materialien in ihrer Vorlesung zur Verfügung und lassen diese oftmals nicht aufzeichnen. Ich möchte an der Stelle nicht unbedingt, dass Vorlesungsaufzeichnungen zur Pflicht werden. Ich möchte eher, dass ein gewisser Standard herrscht, dass gewisse Materialien rausgegeben werden wie Tafelanschriften in der Vorlesung. Das sollte nicht auf das Gutdünken der Lehrenden zur Verfügung gestellt werden. Diese Verantwortung führt schließlich bis zu dem Punkt, an dem die reine Einstellung eines Lehrenden ausschlaggebend für die Zukunft eines Menschen sein kann, während eine wirkliche Qualitätsüberprüfung kaum stattfindet. Ich bin mir bewusst, dass ich mich dabei auf durchaus dünnes Eis begebe. Ich möchte die Freiheit von Forschung und Lehre nicht in Frage stellen. Ich möchte, dass Lehrenden ihre Verantwortung bewusst wird, die sie mit ihrer Macht haben und das nicht auf "Studium braucht halt Selbstverantwortung" runterzubrechen. Ich wünsche mir gewisse Mechanismen der Qualitätskontrolle. Das klingt an der Stelle vielleicht hart, aber ich möchte dieses Machtgefälle gedanklich dadurch aufbrechen, dass ich Lehre als Serviceleistung mir gegebenüber betrachte. Die Gesellschaft zahlt mit Steuern viel Geld in Forschung und Lehre. Das Ergebnis sollte demnach nicht eine unglaublich riesig wirkende Willkür von Lehrenden sein, bei denen die Studierenden eben Glück haben müssen, dass Lehrenden etwas daran liegt, dass sie weiter kommen.

Ich versuche mich mal einem Perspektivenwechsel. Was hat eine lehrende Person von einer guten, eigenen Lehre? Das Gefühl, jemandem etwas beigebracht zu haben, eine gute Bestehensquote, einen guten Stand bei Studierenden. Darüber hinaus kostet gute Lehre Zeit. Diese Zeit fehlt dann in der Forschung oder in der eigenen Freizeit. Ich glaube, sehr viele Menschen in der Wissenschaft kennen das Problem der befristeten Verträge, des Drucks, möglichst viel zu veröffentlichen und sich in der Forschung einen Namen zu machen, um eben nicht als arbeitsloser Wissenschaftler zu enden. Dieses Business ist brutal und erfordert seine Opfer. Ich kann es eigentlich niemandem verdenken, unter diesen Bedingungen die Lehre hinten runter fallen zu lassen. Genauso wie ich es verstehen kann, dass jemand keine Lehre machen möchte, sondern sich der Forschung widmen will, fände ich es großartig, wenn Lehrende aufgrund guter Lehre belohnt werden könnten. In der Realität bringt es stattdessen eher Nachteile, unbezahlte Überstunden, Stress. Ich hatte innerhalb der studienbegleitenden IT-Ausbildung einen Kurs, in denen angemerkt wurde, dass ein Skript doch ganz geil wäre. Die Antwort war, dass wir uns für eine Festanstellung des Dozenten einsetzen könnten. Sobald er die hat, bekommen wir auch ein Skript. Ansonsten hat er eben keine Zeit dazu, weil er forschen muss, auch, um eine Anschlussstelle zu bekommen.
Ich möchte diese Situation mit diesem Beitrag nicht schlecht reden, weil dahinter oftmals keine wirkliche Wahl steckt. Die Wahl haben wenn dann eher jene mit einer Festanstellung, die rar gesäten Stellen von Professoren zum Beispiel.

Also, worauf möchte ich hinaus? Mir geht es darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was eigentlich alles unter dem Deckmantel der Selbstverantwortung der Studierenden läuft. Natürlich sind Studierende zu einem großen Teil für ihren eigenen Erfolg verantwortlich. Aber einer der entscheidenen Faktoren sind Lehrende. Ich glaube, deren Verantwortung wird sehr gerne unterschätzt im Verhältnis zu der Machtposition, die sie oftmals haben. Ich wünsche mir Kontrollmechanismen für diese Macht. Aus großer Macht folgt schließlich große Verantwortung.