Okt 01, 2019

Warum ich Informatik studiere (und Chemie studierte)

Seit Wintersemester 2019/2020 studiere ich Informatik, also quasi seit jetzt. Wie die ein oder andere Person vielleicht mitbekommen hat, habe ich bereits vorher Chemie studiert und bin zur Informatik gewechselt. Im Grunde genommen will ich einen Beitrag zu meiner Studienmotivation und -inspiration schreiben. Allerdings lässt sich das für beide Studiengänge schwer trennen. Obwohl die Studiengänge an sich doch ziemlich unterschiedlich sind, sind sie doch beide grob im MINT-Bereich anzusiedeln.

Als ich mein Studium der Chemie vor zwei Jahren begann, war es für mich schon mehr oder weniger einige Zeit klar, dass ich mich für etwas im Bereich der Naturwissenschaften entscheiden würde. Informatik habe ich damals zwar auch überlegt, aber irgendwie... habe ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht gut genug dafür gefühlt. Es ist schwierig zu beschreiben und ich möchte hier auch gar nicht so klingen, als wäre Informatik für mich immer das Wahre gewesen. Ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass es für mich das Wahre im Sinne eines einzigen Studienfachs, in dem ich voll aufgehen und meine gesamte Zeit investieren kann, gibt. Ich behaupte, dafür insgesamt zu vielseitig, zu verstreut in meinem Denken zu sein, während mir gleichzeitig die Flexibilität fehlt, mich langfristiger permanent mit einem Thema oder einem Themenbereich zu befassen. Es wohnt eben mehr als eine aufmerksamkeitsbenötigende Seele in meiner Brust. Das ist wohl einer der Gründe, aus denen es in der Chemie für mich eher weniger was wurde.
Gleichzeitig bin ich an dieser Welt interessiert. Ich will wissen, wie Vorgänge funktionieren, wie Systeme miteinander reagieren und wechselwirken. Ich bin neugierig, gewissermaßens wissensdurstig und will etwas verstehen. Zu Beginn des Chemiestudiums gab es zu statistischen Zwecken und generellem Interesse einen Fragebogen, der unter anderem die Frage enthielt, warum wir denn Chemie studierten. In meinem Deutschunterricht war ich schon ein Nerd, sodass ich mit "Daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält" antwortete. Interessanterweise gilt diese Antwort auch für mein Studium der Informatik.

Die Welt der Chemie ist im Grunde genommen eine Welt der Außenelektronen, eine Welt der Verbindungen zwischen Stoffen, eine Welt der Stoffumwandlung. Ich würde nicht sagen, dass ich diese Welt bereits verstanden habe. Das ist okay. Ich habe immerhin ein wenig Erkenntnis erlangt.
Die Welt der Informatik ist für mich gerade einerseits eine altbekanntes Wunderland, an dessen Oberfläche ich bereits gekratzt habe, andererseits noch in den Tiefen unentdeckt, unbekannt, weil es eben noch so viel für mich zu lernen gibt, was ich aktuell nicht überblicke. Allwissend bin ich sicherlich nicht. Mir ist noch nicht einmal wirklich viel bewusst, sodass ich von mir behaupten würde, dass ich wenig weiß. Allerdings bin ich mit dieser Welt des Internets aufgewachsen. Insofern kenne ich schon immerhin etwas als Bewohnerin dieser Welt, als Digital Na(t)ive. Vielleicht ist also die Antwort auf diese Frage, dass die Welt von einem Haufen an Kupfer und Glasfaser zusammengehalten wird.

Im Idealfall verstehe auch nicht nur, wie ein System funktioniert. Das ist ein Teil des ersten Schritts. Wenn ich allerdings ein System verstanden habe, dann kann ich es in den meisten Fällen auch beeinflussen und gewissermaßen manipulieren. In der Chemie bedeutet das im einfachsten Fall, Reaktionen nachzuvollziehen und Komponenten zu ändern, um ein anderes, eher gewünschtes Ergebnis herbeizuführen. Das kann beispielsweise in der organischen Chemie passieren, wenn über verschiedene Reaktionsmechanismen ein bestimmtes Produkt herauskommen soll.
In der Informatik bedeutet das was? Ich habe es bisher nie so einfach gefunden, Systeme zu beeinflussen. Das Programmieren ist vermutlich das Paradebeispiel, weil ich hier sogar den Eindruck habe, meine eigene Welt erschaffen zu können, lediglich begrenzt durch die technischen Fähigkeiten meines Gerätes (und meine eigenen Fähigkeiten). Klar, meine Sprache benötigt eine gewisse Syntax, aber im Grunde genommen erschaffe ich ein System. Wenn ich es möglichst treibe, kann ich sogar mein eigenes Betriebssystem entwickeln, meine eigene Hardware zusammennbasteln. Aber so weit treiben es vermutlich die wenigsten Menschen, würde ich an der Stelle mal zu behaupten wagen. Im Grunde genommen kann ich also einfach meine Systeme manipulieren, vielleicht sogar etwas mehr den "Learning By Doing"-Ansatz verfolgen als in der Chemie, in der das Ausprobieren logistisch und gefahrentechnisch schwierig sein kann. Dieses Problem wäre beispielsweise durch Simulationen lösbar, womit wir wieder in der Informatik wären.
Somit bin ich gewissermaßen wieder bei der Frage nach meinen beiden Studiengängen. Chemie oder Informatik? Nein. Chemie mit Informatik, Informatik mit Chemie. Das muss kein Widerspruch sein. Klar, ich muss mich für einen Studiengang entschieden und nach meinen Erfahrungen im Chemiestudium habe ich mich eben für die Informatik entschieden.

Das Semester hat gerade erst begonnen und somit ist es definitiv zu früh, um eine genaue Einschätzung der Lage zu treffen. Natürlich habe ich Gedanken, die in die Richtung einer zweiten Chance gehen, was eigentlich passiert, wenn ich dieses Studium doch nicht schaffe. Im Grunde genommen hatte ich die Sorge, dass genau diese Angst mich in meinem Studium begleitet. Aber nach diesem ersten Tag fühle ich mich ziemlich entspannt. Ich schiebe es darauf, dass ich grob eine Ahnung vom Konzept des Studiums habe. Ich bin wieder im ersten Fachsemester, aber habe mehr Erfahrung als im Chemiestudium, was mir durchaus hilft. Ich freue mich jedenfalls.