Sep 06, 2019

Was ich in Retroperspektive gerne vor meinem Studium gewusst hätte

Im Sommer 2017 immatrikulierte ich mich für mein Chemie-Studium an der Universität Regensburg, sodass ich zum Wintersemester 2017/2018 beginnen konnte. Bis dahin war es aber ein gewisser Weg, weil ich ja irgendwie zur Hochschule und zum Studienfach gefunden haben muss. Im Rückblick betrachtet, mit mehr Erfahrungen und mehr Wissen, hätte ich allerdings manche Dinge gerne vorher gewusst.
Demnach möchte ich mich in diesem Beitrag mit all jenem beschäftigen, was ich im eigentlichen Studium gerne früher gewusst hätte, vom ersten Semester bis zum Ende im vierten Semester.

Ich möchte an der Stelle erwähnen, dass für mich schon die Immatrikulation selbst spannend war. Ich bin die zweite Person, die im engeren Familienumfeld studiert. Meine Eltern sind keine Studierten, die Generation davor auch nicht. Die Geschichten, die ich bisher vom Studium kannte, kamen von einer Cousine, die sich mit Bürokratie, Verwaltung und Prüfungsamt rumschlagen musste. Somit war ich zwar schon vorgewarnt, aber eine wirkliche Idee, was wie funktioniert, hatte ich nicht und habe ich auch heute nur in kleinen Teilen.
Als ich mir zudem eine Universität und eine Stadt herausgesucht habe, wusste ich kaum, worauf ich akademisch Wert legen sollte. Prüfungsordnungen waren für mich schwer einzuordnen. Zu erkennen, welche Veranstaltungen wann genau stattfanden, auch.

Gerade, was die Prüfungsordnung angeht, hätte ich im Voraus gerne deutlich mehr gewusst oder eher gesagt aus dem System der Prüfungen und wann sie jeweils angeboten werden. Im Chemie-Studiengang in Regensburg habe ich von Anfang an aufgeschnappt, dass es eine schlechte Idee ist, Prüfungen zu schieben. Das war ein gänzlich neues System für mich. Ich habe dann irgendwann auch herausgefunden, dass Veranstaltungen nur jährlich angeboten werden, genau wie die dazugehörigen Prüfungen. Ich habe bereits von studierenden Menschen aus meinem Freundes- oder Bekanntenkreis mitbekommen, dass solche Prüfungen oftmals ein Semester später wieder stattfinden. Nein, passiert nicht. Das ist vielleicht schon daran ersichtlich, dass der Studiengang Chemie nur im Wintersemester begonnen werden kann, aber dieses Wissen habe ich jetzt. Das hatte ich zum damaligen Zeitpunkt nicht.
Jedenfalls führt dieses Phänomen der jährlich stattfindenden Prüfungen zu einem weiteren Problem in Verbindung mit der Prüfungsordnung. Denn wenn ich eine Prüfung ablegen möchte, dann muss ich mich zum ersten Versuch in diesem Semester (und damit auch Jahr) anmelden. Es gibt zwar auch einen Zweitversuch, aber dabei handelt es sich explizit um einen Wiederholungsversuch. Demnach sind dort nur Menschen, die beim Erstversuch durchgefallen sind (oder krank waren). Der Erstversuch ist meist am Ende der Vorlesungszeit, der Zweitversuch am Ende des Semesters, also kurz vor den neuen Vorlesungen im neuen Semester. Das kann dazu führen, dass, sobald ein Zweitversuch ansteht, sei es durch Durchfall oder Krankheit, die vorlesungsfreie Zeit nicht wirklich Urlaub ist. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass Zweitversuche im Schnitt mit einer solchen Regelung schwieriger sind als Erstversuche. An der Stelle ist es möglich, mit mehr Zeit zum Lernen zu argumentieren, aber in aller Regel hat es ja auch Gründe, aus denen Menschen eine Klausur nicht bestehen. Es gibt ja durchaus Lehrende, die mit Kommentaren wie "Also der Erstversuch wird bestehbar, für den Zweitversuch haben Sie ja mehr Zeit zum Lernen" auffallen und dafür ist dieses Klausurensystem natürlich super.
Zudem kann dann passieren, dass ein Drittversuch ansteht. Ein Drittversuch ist, mit Ausnahme in den Nebenfächern Physik und Mathe, immer ein mündlicher Drittversuch über das ganze Modul. Angenommen, in einen Modul sind zwei Klausuren in Organischer Chemie und eine in Anorganischer Chemie, dann kann ich mit all dem in einem Drittversuch landen, den ich auch erst antreten kann, wenn ich all diese Prüfungen entweder bestanden oder zweimal nicht bestanden habe.
Gleichzeitig existiert bei einer Regelstudienzeit von sechs Semestern eine Höchststudiendauer von acht Semestern. Im schlimmsten Falle stoße ich also schon an diese Grenze von acht Semestern, indem ich krank bin, nicht alles perfekt läuft, durch welche Gründe auch immer.

Zu diesem Problem der Einordnung der Prüfungsordnung kommen dann auch noch diverse Spezialitäten des Chemie-Studiums dazu. In diesem Studium ist es normal, Praktika zu haben. Das ist im Grunde genommen Laborarbeit. Dies ist entweder während der Vorlesungszeit am Nachmittag oder in der vorlesungsfreien Zeit. Eigentlich ist es für Außenstehende ohne Bekanntschaft mit Personen in einem höheren Semester nicht möglich, herauszufinden, wann welches Praktikum stattfindet. Es steht generell für das gesamte Semester im Stundenplan, während im Modulkatalog Angaben gemacht worden sind, für welches Semester dieses Praktikum empfohlen wird. Ob es während des Semesters oder der vorlesungsfreien Zeit stattfindet, keine Ahnung.
Inhaltlich hätte ich es ziemlich cool gefunden, wenn ich für Praktika gewisse Grundkenntnisse einfacher erhalten hätte. Im Grunde genommen ist noch nicht einmal das wichtig. Für solche Praktika ist es notwendig, Protokolle zu schreiben. Das ist etwas, was Studierende dadurch lernen, dass sie es tun und frustriert sind, wenn sie es nicht können. Das ist gewissermaßen ineffektiv. Es ist ehrlich gesagt auch nicht so einfach, sich das selbst so beizubringen, wie es erwünscht ist, weil es für Protokolle keine einheitliche Form gibt. Es gibt eine grobe Idee, wie der Aufbau sein kann, dazu gibt's sobar einen eigenen Wikipedia-Artikel. Aber auch das kann von Labor zu Labor unterschiedlich sein. Jede Person kann ja mal zum Spaß mit der Suchmaschine nach Wahl suchen, wie solche Protokolle aussehen. Das ist unglaublich schwierig, auf einen Nenner herunterzubrechen. Ich persönlich finde es eben ein bisschen hart, in der ersten Woche zu kommen mit "Ihr macht jetzt mal Praktikum, viel Spaß" und dabei nicht wirklich anzuleiten. Es ist mir schon klar, selbstverantworliches Lernen, aber wenn ich noch nicht einmal weiß, woher ich die notwendigen Informationen bekomme und zwangsläufig scheitern werde, bis ich in der Fachschaft die hoffentlich vorhandenen Altprotokolle finde, dann kann das doch nicht effizient sein.

Ein weiterer Punkt, über den ich gerne vorher etwas gewusst hätte, ist die Erlangung des Bachelorabschlusses. Es hat sich zu meinem damaligen Ich bereits rumgesprochen, dass eine Bachelor-Arbeit existiert, gleichzeitig gibt es in Regensburg noch mündliche Bachelor-Prüfungen, die mich zwar jetzt nicht betreffen, aber gedanklich einen gewissen Druck auf mich ausgeübt haben.
Das Studium der Chemie, wie ich es kennengelernt habe, ist im Übrigen sehr verschult. Es gibt genau einmal die Möglichkeit, selbst etwas zu wählen, was die Module angeht. Das ist zwischen dem 5. und 6. Semester ein Wahlpflichtfach. Alle anderen Schwerpunkte können schließlich im Master-Studium gesetzt werden. Es ist theoretisch auch noch möglich, mit der Bachelor-Arbeit einen Schwerpunkt zu setzen, aber das kommt erst gegen Ende des Bachelors. Insofern gibt es vergleichsweise viele Veranstaltungen, die nach einem Stundenplan ablaufen, die kaum irgendwie flexibel sind, während natürlich alle weiteren "Nachteile" des selbstverantworlichen Studierens zuschlagen.

Ansonsten könnt ihr euch an der Stelle einen allgemeinen Hinweis vorstellen, der im Grunde genommen uneinheitliche Strukturen für Informationen thematisiert, beispielsweise Lehrende, die statt des eigentlich universellen Systems zum Hochladen von Lehrinhalten lieber ihre eigene Webseite verwenden.
All das ist nicht unbedingt vermeidbar, aber ich hätte mich vermutlich anders darauf einstellen können, wenn ich es vorher gewusst hätte. Mittlerweile lege ich auf Faktoren wie Prüfungszeiträume wert, denn an manchen Hochschulen ist es zum Beispiel sogar möglich, sich für Prüfungen anzumelden und am Tag selbst zu entscheiden, ob die Prüfung geschrieben werden soll oder nicht, ohne einen Fehlversuch. Im Nachhinein bin ich eben schlauer.