Mär 22, 2019

Was kann im Chemiestudium schief gehen? - Warum ich zum kommenden Wintersemester das Studienfach wechsle

Wie der Titel erkennen lässt, ist der Anlass dieses Beitrags etwas unschöner als sonst. Dementsprechend wird dieser Beitrag länger und für mich vergleichsweise hart zu schreiben. Diejenigen, die mich vielleicht schon vor der Zeit dieses Blogs verfolgen, haben jetzt vermutlich einige Fragezeichen im Kopf, kombiniert mit einem "Wie, warum, weshalb?", abgesehen von denjenigen, die das vielleicht schon etwas länger wissen und persönlich von mir davon gehört haben und mit denen ich vielleicht auch schon ausführlicher geredet habe. Es wird ein wenig emotional werdend und für manche vielleicht sogar triggend. Das Folgende ist übrigens auch meine subjektive Sicht der Dinge, auch, wenn einiges davon sicherlich verallgemeinbar ist wie die simple Aussage, dass ein Chemiestudium hart ist. Ich möchte heute ein wenig von meinem Weg im Chemiestudium erzählen, der mich in eine Sackgasse gebracht habe, von der aus ich handeln muss.

Anfangen möchte ich mit einer Aussage, die ich in einem Praktikumsversuch von unserer sehr lieben Assistentin, die uns eigentlich für dieses Studium wieder ein bisschen motivieren wollte, dass es sich lohnt, nicht aufzugeben und den Spaß an der Chemie zu behalten. Allerdings fiel in diesem Gespräch auch der Satz "Fast jeder, der hier einen Bachelor (in Regelstudienzeit) macht, hat ne halbe Depression, wenn nicht sogar eine Ganze."
Das hat reingehauen. Das war zu einem Zeitpunkt im Semester, an dem ich sowieso gerade aus einem anstrengenden Praktikum ins nächste, unorganisierte Praktikum kam. Gleichzeitig war das schon vergleichsweise nah an der Klausurenphase, vor der ich seit meinen ersten Klausuren Versagensangst habe. Aus Angst lernen, ein Konzept, das ich an der Universität kennenlernte. Meine Mutter hat mich eigenlich bis zu meinem Abitur immer als "Kind, das gerne lernt" beschrieben.

Aber gehen wir vielleicht zum Anfang meines Studiums. Meine Motivation dafür möchte ich hier eigentlich gar nicht länger erläutern, das wäre ein Thema für einen eigenen Beitrag. Glücklicherweise bin ich nämlich nicht an dem Punkt gelandet, an dem ich nie wieder etwas mit Chemie zu tun haben will. Aktuell möchte ich nur raus aus diesem Studium. Chemie ist eine tolle Naturwissenschaft. Mit dem Gefühl bin ich übrigens auch ins Studium gestartet und gerade in der allgemeinen Chemie hatte ich das Gefühl, gut mitzukommen und ein paar Dinge auch schon in der Schule gehört zu haben. Dazu muss man sagen, ich hatte nie wirkliche Probleme in der Schule und habe für mein Abitur zwar gelernt und habe auch einen Schnitt hingelegt, der mir sicherlich dabei helfen wird, in ein Studienfach reinzukommen, das ich künftig machen möchte, allerdings fühlt es sich so an, als hätte ich für jede einzelne Klausur mehr gemacht als für meine fünf Prüfungen im Abi. Meine Versagensangst hatte ich nicht das erste Mal in einer Klausur, sondern in meinem ersten Praktikum. Rückblickend betrachtet war das alles halb so wild, aber gerade frisch in der zweiten Semesterhälfte ins Labor gekommen will niemand etwas falsch machen. Immerhin ist das Labor ja der Arbeitsort eines Chemikers (kurze Anmerkung, dieses Bild des Arbeitsplatz eines Chemikers stimmt nur bedingt) und dort jetzt schon etwas falsch machen war dramatisch. Es entsteht Druck, gerade im Vergleich mit den Kommilitonen. Denn es ist ja bereits schon am Anfang bekannt, wie wenig von all jenen, die das Studium beginnen, dann überhaupt den Bachelor-Abschluss schaffen. Ein frühes Hintendranhängen kann fatal sein.
Ein fehlgeschlagener Versuch bedeutete übrigens, diesen Versuch nochmal machen zu müssen, was schon in Ordnung ist. Aber gerade dadurch, dass das Praktikum teilweise bis in die erste Klausur gereicht hat, konnte ich kaum einschätzen, wie viel Aufwand genau diese eine, die erste Klausur war. Vielleicht bin ich unter anderem deswegen durchgefallen. Es ist ja auch nicht so, dass ich das Semester über gefaulenzt habe. Übungsblätter waren an der Tagesordnung und waren ja sogar für die Klausurzulassung notwendig. Vielleicht habe ich mir mehr Freizeit rausgenommen, als mir zugestanden hat. Ironischerweise fühlt sich das genauso rückblickend für jedes Semester an. Obwohl ich weiß, was ich getan habe, obwohl ich es schwarz auf weiß nachschauen kann, habe ich das permanente Gefühl, einfach zu wenig gemacht und mich nicht genug aufgeopfert zu haben.

Die darauffolgende, vorlesungsfreie Zeit war zwar vorlesungsfrei, aber nicht arbeitsfrei, denn wir hatten ein Praktikum. Die erste, fehlgeschlagene Klausur hatte ich mittlerweile bestanden, die Zweite stand noch aus. Soweit ich das in Erinnerung habe, hat der Physik-Dozent die Klausur aber nicht unglaublich schwierig gestellt, weil wir wegen des Praktikums sowieso kaum Zeit zum Lernen hatten. Rückblickend betrachtet war er einer der motiviertesten und kompetentesten Dozenten, die ich bisher erlebt habe. Es war ja nicht alles am Chemiestudium schlecht. Jedenfalls war das darauffolgende Praktikum nochmal nervenzerrend.
Eventuell hat der ein oder andere schon einmal den Begriff "Ionenlotto" gehört. Das wäre auch eigentlich schon wieder einen ganzen, eigenen Beitrag wert. Kurz gesagt ist das eines der giftigsten Praktika im ganzen Studium. Dort begegneten wir Chemikalien wie Arsenik, diversen Quecksilberverbindungen wie Quecksilbernitrat, Bleiacetat, Schwefelwasserstoff, Kaliumcyanid, solche Kandidaten. Es ist also ein Praktikum, das über drei Wochen, von morgens bis abends, quasi die gesamte Konzentration fordert. Ach ja, Handschuhe wurden durch die Praktikumsassitenten (das sind Masteranden oder Doktoranden, die uns dabei beaufsichtigen) gewissermaßen verboten. Das würde ich heute auch nicht mehr mitmachen. Ich finde es ehrlich gesagt mehr als nur unverantwortlich, das auch noch mit der Begründung "Damit ihr lernt, mit Giftstoffen vorsichtig umzugehen" zu rechtfertigen, denn vermutlich werden die Meisten von uns in ihrer chemischen Karriere kaum mehr mit solchen giftigen Stoffen arbeiten. Ich fahre ja auch nicht ohne Sicherheitsgurt Auto, damit ich lerne, mit dem Gaspedal vorsichtig umzugehen. Jedenfalls empfand ich dieses Praktikum als sehr kräfteraubend. Es gab einen verzweifelten Abend von meinen Kommilitonen und mir, an dem wir abends nach Praktikumsende zu der WG von einem von uns gegangen sind und vorher noch einkaufen waren. Unser Einkauf bestand aus sieben Tafeln Schokolade, Pesto und zwei Flaschen Cider, was ziemlich gut unsere Stimmung widerspiegelte. Also, versteht mich nicht falsch, all diese Reaktionen sind schon cool, es ist nur anstrengend.

Dann kam auch schon das zweite Semester und damit eine Disziplin, die mir besonders Schwierigkeiten bereiten sollte: Organische Chemie. Ja, ich habe versucht, seit Beginn des Semester mitzulernen und habe mir dieses Mal weniger Freizeit gegönnt als vorher. Ich konnte nicht schon wieder irgendwo durchfallen. Long story short: Ich fiel in zwei Prüfungen durch, Mathe und organische Chemie. Mathe finde ich nach wie vor sehr enttäuschend und ist der Grund, warum ich mir wahrscheinlich nochmal die Mathe-Vorlesung geben werde. Allerdings machte ich mir gerade in der Organik unglaublich viel Druck. In der Vorlesungszeit hatten wir zwar ein Tutorium, bei diesem war ich allerdings erst einmal ein wenig hinten dran. Es hat etwa Mitte des Semester angefangen und ich bin hingegangen, allerdngs in der Gruppe gelandet, in der die Dozentin wollte, dass wir alle reihum unsere Lösungen vorstellen. Ein "Ich habe das nicht", unter Umständen, weil ich gerade einmal froh war, den ersten Schritt der Reaktion hinzubekommen, galt nicht. Da war nochmal die Angst, zu versagen und nichts zu können unglaublich präsent. Etwa ab diesem Zeitpunkt zieht sich das konstant durch den Rest des ganzen Studiums, denn hier habe ich wirklich verstanden, wie langsam ich im Vergleich bin und ehrlich gesagt macht das psychisch fertig. Ich habe mich für Wochen tagelang nur mit Organik beschäftigt, abgesehen von dem, was ich im Semester selbst schon getan habe, und es hat einfach nicht geklappt. Ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich Klausuren nicht einfach nur noch mit Lernen bestehe, sondern indem ich einen noch größeren Teil meiner Freizeit opfern muss.
In der Organik landete ich dann schließlich im Drittversuch. Das ist der Versuch, der Studierende von einer Exmatrikulation trennt. Diesen hatte ich übrigens bis heute nicht. Meine Studienordnung sieht einen mündlichen Drittversuch für das ganze Modul vor, um diesen Drittversuch absolvieren zu können, muss ich alle Teilprüfungen bestanden oder zweimal nicht bestanden haben. In dem Fall ist in diesem Modul noch Organische Chemie - Reaktionsmechanismus und Anorganische Chemie - Hauptgruppen und Komplexe mit drin. Gerüchteweise kann man sich bei einem Drittversuch in zwei dieser drei Prüfungen auch direkt die Exmatrikulation abholen.

Für das dritte Semester wollte ich erste Konsequenzen ziehen. Ich wollte nicht meine Freizeit aufgeben und nur noch Chemie machen. Das ist nicht, wer ich bin, ich wollte noch so was wie Hobbies, die mittlerweile langsam wieder in meinem Leben auftauchen. Es ist total krass, morgens im Bett zu liegen und sich aussuchen zu können, was man an diesem Tag tut, dabei alle Zeit der Welt hat. Ich wollte wieder richtig Zeit haben, mich mit meinen Freunden zu treffen und nicht nur Menschen mal kurz zu sehen, weil ich sie gerade in meinen Terminkalender quetschen konnte. Also entschied ich mich dazu, die Regelstudienzeit in Absprache mit Studiengangskoordination zu ignorieren und in acht statt in sechs Semestern zu studieren. Sieben fällt weg, alle Veranstaltungen an meiner Universität werden nur jährlich angeboten. Das passiert tatsächlich gar nicht so selten, dass in der Chemie mal länger gebraucht wird. Ich entschied mich letztlich dazu, die Praktika in der Analytik und in der physikalischen Chemie mitzumachen und mir die Vorlesung in Anorganik und Organik zu geben. Anfangs war noch Thermodynamik und Elektrochemie dabei, mich hat allerdings das Praktikum so überfahren, dass ich das gestrichen habe. Daneben wollte ich noch einen Python-Kurs machen.
Trotz meines abgespeckten Stundenplans war es noch immer viel. Ich habe teilweise viel Zeit mit meinen Protokollen verbracht, mir aber auch einen Teil an Freizeit gegönnt. Allerdings ging Freizeit zunehmend mit schlechtem Gewissen einher. Das Semester über habe ich versucht, soweit mitzulernen wie es geht, aber irgendwann hatte ich dann die Wahl zwischen Schlaf und Studium. Ich habe tatsächlich immer mal wieder versucht, mir den Luxus zu gönnen, acht Stunden Schlaf zu bekommen. Manchmal habe ich sogar versucht, mir einen Tag frei zu nehmen und mal nichts für mein Studium zu tun. Das hat das schlechte Gewissen natürlich befeuert. In der physikalischen Chemie gab es dann noch... nennen wir es einfach mal organisatorische Schwierigkeiten, die mich mitgenommen haben. Stress war immer präsent. Weitere organisatorische Schwierigkeiten folgten im Analytik-Praktikum, das ich fast hätte alleine machen müssen und so nur die Hälfte der Versuche alleine hatte. Wir reden hier übrigens von einem Praktikum, das darauf zugeschnitten ist, dass zwei Studierende es zusammen und gleichzeitig machen. Darüber hinaus hatte ich noch einen gewissen Anteil an Organisation, wann ich jetzt welche Versuche überhaupt mache, was sonst auch nicht dazu gehört. Es kam viel zusammen.
Es kam so viel zusammen, dass meine Mutter beim Besuch meiner Eltern in Regensburg mir im Nachhinein erzählte, dass ich extrem gestresst und angespannt wirkte. Tatsächlich sah meine Wohnung zu der Zeit auch ziemlich chaotisch aus. Ich war nicht so oft zuhause, oftmals nur zum Schlafen, und wollte nicht meine Freizeit auch noch damit verbringen, mir privat mehr Stress zu machen. Ich hatte weder Zeit für Sport, noch für meine Ernährung. Seit Beginn des Studiums habe ich konstant an Masse gewonnen.
Übrigens war der Level an Stress für meine Kommilitonen, die das ganze Studium in Regelstudienzeit machen, nicht besser, sondern schlechter, sodass ich teilweise mit fiebrigen Kommilitonen im Labor stand, die im Nachhinein kaum noch wussten, was wir eigentlich gemacht haben. Dieses Studium hat keinem von uns wirklich Zeit gelassen, so etwas wie krank zu sein, geschweige denn uns auszukurieren. Natürlich können wir dann zuhause bleiben. Aber das bedeutet einen Nachholversuch und Nachholversuch bedeutet weniger Zeit für alles andere.
Richtung Klausurenphase, also Ende November, also eigentlich sechste Semesterwoche, geht es dann auch langsam noch stärker los mit Lernen für die Klausuren, also soweit das mit Protokollen vereinbar ist. Ich habe versucht, so viel zu lernen wie es geht und ehrlich gesagt habe ich wieder angefangen, meine Freizeit einzuschränken. Ich wollte nicht faulenzen. Denn genau genommen hat alles, was ich während der Vorlesungszeit gemacht habe, sich genauso angefühlt, obwohl ich eigentlich immer irgendwie gestresst war. Zu Weihnachten hatte ich dann zwar noch Protokolle zu schreiben, allerdings habe ich das in die erste Woche des neuen Jahres geschoben und wollte die Zeit um Weihnachten intensiver zum Lernen für die Klausuren nutzen. Das hat soweit auch geklappt, dann kam der 35c3. Dazu habe ich mir eine kurze Pause verordnet, weil ich das Event nicht damit verbringen wollte, in einer Ecke zu sitzen und zu lernen. Am 1.1. war ich dann krank und zugleich vollkommen im Stress. Ich hatte einen richtig fiesen Infekt, den ich mir zeitlich absolut nicht leisten konnte. Ich kam kaum aus dem Bett raus, etwas, was ich von mir absolut nicht gewohnt bin. Glücklicherweise hat mein Partner für diese Versuche einiges übernommen, wofür ich ihm sehr dankbar bin, aber das hat mir gezeigt, dass ich nicht nur mein Recht auf Freizeit mit der Immatrikulation abgegeben habe, sondern auch mein Recht auf Kranksein.
Meine Reaktion in diesem Moment war nicht laut "Fuck this shit, I'm out!" zu schreien, sondern... mich schlecht zu fühlen. Ich war ja selbst an meiner Lage Schuld. Ich habe mich da ja selbst rein gebracht, indem ich Lernen für wichtiger hielt als Protokolle zu schreiben. Klar, damit, dass ich so krank werde, habe ich kaum rechnen können. Zudem ist krank sein ja auch nicht faulenzen. Das wurde übrigens die Woche danach nur ein wenig besser und so schleppte ich mich krank in eine Woche mit drei Versuchen. Mir ist es übrigens kaum gelungen, das wirklich auszukurieren.
An diesem Punkt wollte ich eigentlich gerade weiter schreiben, wie der Rest des Januars war, aber ehrlich gesagt erinnere ich mich da nur noch an so drei Termine, an denen ich noch genau weiß, was ich außer lernen so gemacht habe. Für meine Kommilitonen war das nicht gerade besser. Es gab natürlich Gerüchte zu diversen Klausuren. Regulär in Regelstudienzeit wären es fünf gewesen. Über eine dieser gab es solche motivierenden Erzählungen aus Jahren davor, dass dort so 14, 15 Leute durchgefallen sind, was passieren kann. Den Zweitversuch haben dann zwei bestanden, der Rest ist im Drittversuch gelandet. Davon hat einer bestanden. Zu der einen Klausur, die ich letztlich mitgeschrieben habe, hat der Dozent lediglich gesagt, dass der Erstversuch bestehbar ist. Für den Zweitversuch habe man ja schließlich mehr Zeit zum Lernen. Meine Vorbereitungszeit für diese Klausur, zu der ich mich mehr oder weniger intensiv damit beschäftigt habe? Drei Monate.
Etwa zu der Zeit habe ich dann endgültig gemerkt, dass was für mich nicht stimmt. Ich kann nicht nur lernen, lernen, lernen, ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich krank bin oder mir gar Freizeit oder Hobbies erlaube und im Gegenzug das Gefühl erhalten, nichs zu können.

Etwa zwei Wochen vor der ersten (und einzigen, wie ich später beschlossen habe) Klausur hatte ich so viel Angst davor, so viel Angst zu versagen, dass ich unter Tränen hyperventilierend in der Küche von Freunden stand, meine erste Panikattacke wegen einer Klausur. Netterweise wurde mir erklärt, wie kompentent die psychologische Beratung an der Uni ist und dass man gerade bei solchen Fällen auch schnell einen Termin bekommt. Aber ich wollte nicht in die Situation kommen, ernsthaft psychologische Beratung zu brauchen. Versteht mich nicht falsch, es ist großartig, dass es so etwas gibt. Aber ich wollte nicht an diesen Punkt gelangen, an dem ich aufgrund meines Studiums so fertig bin. Ein Besuch der psychologischen Beratung würde aber genau das eingestehen, dachte ich mir.
Gleichzeitig war das zeitlich auch der Moment, an dem ich Probleme damit hatte, einen Moment zu finden, meinen Eltern von diesen Problemen zu erzählen. Ich wollte sie einfach nicht enttäuschen. Gleichzeitig wollte ich es ihnen eigentlich persönlich sagen, hatte aber sowieso die Sorge, wegen potentiellen Zweitversuchen gar nicht mehr in der vorlesungsfreien Zeit nach Hause zu kommen. Ein Freund drückte das mit "Du hast also zu viel Stress, um deinen Eltern zu sagen, dass du zu viel Stress im Studium hast. Merkste selber?" aus. Tatsächlich habe ich es meiner Mutter dann per Facetime gesagt (ein Hoch auf die Digitalisierung!) und sie hat erstmal gut mit mir geweint, weil ich ja eigentlich immer so viel Spaß an der Chemie hatte. Aber letztlich sind meine Eltern coole Socken, die mir daraus keinen Vorwurf machen.

Und jetzt? Jetzt will ich daran arbeiten, wieder so was wie Hobbies aufzunehmen. Gleichzeitig will ich wieder etwas finden, was ich kann. Denn ja, dieses Studium hat nicht nur auf diesen Punkt gehauen, sondern mit einem Presslufthammer rein getroffen. Das wird mich noch eine Weile begleiten. Ich mochte es ja noch nie, diesen Eindruck des Nichtskönnens zu erwecken, aber jetzt kommt da noch eine Portion mehr Ungeduld und Selbstzweifel dazu. Das heißt, dass ich unglaublich emotional und sensibel reagieren kann, wenn ich irgendwas nicht auf den ersten Versuch schaffe, was ja vollkommen in Ordnung ist, eigentlich. Bei mir ruft das mittlerweile das Gefühl hervor, unglaublich schlecht in allem zu sein und nie wieder etwas zu finden, was ich kann. Damit kann ich mal besser, mal schlechter umgehen. Was ich sonst noch mitnehme, ist schon ein gewisses Wissen. Ich habe ja nicht nichts gemacht. Dieses Wissen kann ich natürlich weiter erklären und teilen. Es war ja nicht alles schlecht.

Ich hoffe übrigens, dass das tatsächlich besser so für mich ist. Ich habe meinen Spaß an der Chemie nicht völlig verloren, zum Glück! Ich glaube an einem Punkt zu sein, an dem ich durchaus wieder das Verhältnis zu mir selbst herstellen kann, in dem ich etwas kann. Wenn ich nach eineinhalb von elf bis zwölf Jahren bis zum Doktor, den ja etwa 85 Prozent in der Chemie machen, der Meinung bin, dass ich dieses Studienfach nicht wieder anfangen würde mit dem Wissen, das ich jetzt habe, ist es nicht zu spät zum Wechseln. Ich meine, ich bin ja gerade mal 20 Jahre alt, noch kann ich Fehler machen, ohne mich dann zum Studienabschluss zu alt zu fühlen.
In die Richtung geht vermutlich auch die Frage, die das alles hier aufwirft: Und jetzt? Jetzt werde ich ein Semester (fast) alles machen wie ich es möchte. Ich habe ein ganzes Vorlesungsverzeichnis an Möglichkeiten und habe die Gelegenheit, in alles reinzuschauen, was mich interessiert. Allerdings habe ich zumindest ein grobes Gefühl, in welche Richtung es gehen könnte und habe auch schon einen groben Stundenplan. Dazu folgt dann vermutlich noch ein Beitrag. Ich wollte diesen Beitrag hier jedoch zuerst geschrieben haben. Es geht mir nahe und nachdem ich so viel über mein Studium geschrieben habe, wollte ich nicht einfach so aufhören, sondern irgendeine Form der Erklärung liefern. Ich habe das Gefühl, das nicht kürzer machen zu können, denn ich möchte ja auch meine Erfahrungen teilen.
Was bedeutet das eigentlch für Guacamol? Erstmal sehr wenig, denn ich verliere ja nicht sämtliches chemisches Wissen mit diesem Entschluss. Chemie als Hobby, die Möglichkeit, dieses Thema von mir wegzuschieben, wenn ich gerade die Lust habe, hört sich nur deutlich beruhigender an als mich damit so lange zu beschäftigen, bis ich nichts anderes mehr kenne.

So, ein langer Text, für einen Blogbeitrag ungewöhnlich lang. Ich bleibe dabei, mich darum zu kümmern, dass es mir langfristig besser geht. Und für den Rest habe ich zumindest einen groben Plan. Wir schreiben uns. Oder eher ich schreibe hier.