Aug 04, 2019

Welches Pronomen passt zu mir?

Pronomen, ein Thema, das uns allen erstaunlicherweise wohl tagtäglich im Alltag begegnet und doch meistens erst in queeren Bereichen überhaupt Aufmerksamkeit bekommt. Als Person, die sich auch in queeren Räumen bewegt, ist daher die Frage nach Pronomen alles andere als ungewöhnlich. Bisher habe ich die Frage nach meinen Pronomen immer mit einem "she" beziehungsweise "sie" beantwortet, aber ehrlich gesagt habe ich mir darüber kaum bis nie Gedanken gemacht, weil es für mich einfach vollkommen gewohnt war.

Vor kurzem begann ich also, mir Gedanken zu machen, was mein Pronomen angeht. Ich bin weiblich und identifiziere mich mit dem Geschlecht, welches mir bei der Geburt zugeordnet wurde, also bin ich cis weiblich. Abgesehen von Klischees finde ich ehrlich gesagt die Frage, welches Geschlecht ich habe, gar nicht so einfach zu beantworten. Wenn am Ende nur noch das Gefühl für das eigene Geschlecht steht, keine körperlichen Ausprägungen, keine von der Gesellschaft zu einem bestimmten Geschlecht zugeordneten Verhaltensweisen, sondern nur das eigene Geschlechtsgefühl, dann ist das erst einmal einiges an Balast, den ich mitbringe und von dem ich mich befreien muss.
Aber nach all dem fühle ich mich weiblich. Ich mag meinen Namen, ich habe keine Dysphorie gegenüber meines Körpers oder habe ein Problem damit, wenn meine Umgebung mich als weiblich wahrnimmt. Ich weiß, dass das alles nicht nötig ist, um nicht cis zu sein. Es gibt Menschen, die sind trans, stimmen also nicht mit dem Geschlecht überein, dass ihnen bei der Geburt zugeordnet wurden, die keine Dysphorie erleben. Das ist okay, das macht sie nicht weniger trans.
Ich würde mich auch nicht als nicht-binär bezeichnen, einfach, weil mein Geschlecht ins binäre System passt. Insofern sollte die Frage nach Pronomen relativ klar sein. Oder?

Ich habe bemerkt, dass ich mich auch mit "they" wohlfühle. Dieses Pronomen hat sich insbesondere im englischsprachigen Raum als genderneutrales Pronomen verbreitet und wird von vielen nicht-binären Personen verwendet. Warum ich mich damit wohlfühle? Ich schätze, weil es für mich vollkommen in Ordnung ist oder sogar wünschenswert, geschlechtsneutral angesprochen zu werden, auch, wenn ich nicht geschlechtsneutral bin oder ein "neutrales" Geschlecht habe. Es kann so vieles enthalten und macht gleichzeitig darauf aufmerksam, dass es nicht nur binäre Geschlechter gibt, sondern so viel mehr. Ich versuche in letzter Zeit, generell mehr geschlechtsneutrale Sprache zu verwenden, gewöhne mich an bestimmte Formen des Genders, warum also sollte ich mich also nicht dabei wohlfühlen, mich selbst mit einem geschlechtsneutralen Pronomen wie "they" zu bezeichnen?
In meinem Schwedisch-Kurs im letzten Semester ist mir natürlich auch nicht entgangen, dass es ein schwedisches, geschlechtsneutrales Pronomen gibt, nämlich "hen", was verwendet werdenkann, wenn das Gesclecht einer Person nicht-binär oder schlicht unbekannt ist.
Im Deutschen existiert eine Vielzahl an Neopronomen, beispielsweise zu finden im nicht-binäre Wiki. Zwar existiert auch im Deutschen das Pronomen es, aber auch dieses wird im nicht-binären Wiki beschrieben und ist mir persönlich auf einer gewissen Ebene zu abwertend.

Was genau ist nun das Problem? Pronomen wie "they" werden meistens von Menschen genutzt, deren Geschlecht nicht-binär ist. Meines hingegen ist ziemlich binär. Ich möchte nicht-binären Menschen nichts wegnehmen. Besonders ein Satz ist mir in dieser Diskussion aber im Gedächtnis geblieben: Es gibt keine bestimmte Anzahl an Pronomen. Das stimmt. Wenn ich signalisiere, dass ich mich (auch) mit "they" wohlfühle, dann gibt es keinen globalen Counter, der eins von "they" abzieht und damit dieses Pronomen in seiner gesamten, nutzbaren Anzahl verkleinert. Pronomen sind nicht dadurch beschränkt, dass nur eine Maximalanzahl an Personen sie verwenden kann und ab einem bestimmten Punkt niemand mehr.
Mir ist bewusst, dass ich eine gewisse Verwechselungsgefahr hervorrufe, wenn ich das Pronomen "they" verwenden möchte. Da ich aber auch immer wieder in queeren Räumen nach meinem Pronomen gefragt werde, ist es dabei alles andere als merkwürdig, (auf Nachfrage) zu erklären, dass ich mich mit einem geschlechtsneutralen Pronomen wohlfühle und was mein Geschlecht ist.

Gleichzeitig hoffe ich, auch mit diesem Beitrag hier zum Beispiel, Menschen zum Nachdenken über ihre Pronomen zu bringen, denn das Thema Geschlecht wird ziemlich komplex, wenn gewisse "Selbstverständlichkeiten" wie das eigene Pronomen einfach mal hinterfragt werden.
Insofern: Hallo, ich bin Lea, ich bin weiblich und meine Pronomen sind sie und they.