Jul 24, 2019

Wie ich in meinem Studium Excel (fast) vollständig boykottiere

Ich habe in einem Beitrag bereits über meine Arbeitsweise mit LaTeX geschrieben und nachdem ich vor kurzem ein Bild gepostet habe, laut dem die Excel-Übungen für Chemie-Studierende wieder angefangen haben, dachte ich mir, dass es vielleicht ganz cool zu wissen ist, wie ich mich erfolgreich vor Excel schütze, leider mit einer Ausnahme.

Ich war noch nie das große Microsoft-Kind. In meiner Kindheit und Jugend war es höchstens Windows, mit dem ich intensiveren Kontakt als Betriebssystem hatte, aber auch das ist irgendwann einem macOS gewichen. Das Office-Paket lief nie auf einem meiner System, sondern höchstens auf dem in der Schule, wobei das jetzt wohl der Vergangenheit angehört, denn Schulen dürfen Office 365 nicht mehr verwenden, was ich als grundsätzlich positive Entwicklung betrachte.
Ja, natürlich ist es an der Stelle möglich, darüber zu debattieren, dass ein großer Teil der Berufswelt das Office-Paket nutzt. Ich hoffe an der Stelle aber, dass die Alternativen prominenter werden. LibreOffice, LaTeX, entdeckt was Neues, findet was, ermöglicht einen Einblick. Klar könnte ich auch sagen, dass ich es immerhin ohne das Office-Paket in ein Studium geschafft habe, aber nicht jede Person hat meine Voraussetzungen und vielleicht die Motivation, sich gegen Microsoft Office zu wehren, weil die Prioritäten vielleicht woanders liegen. Das ist okay. Aber genau wegen so was schreibe ich diesen Beitrag ja, um mitzuteilen, wie ich da drum rum gekommen bin.

Auswertung von Messdaten wird irgendwann in der Chemie wichtig, hier in Regensburg spätestens mit dem dritten Semester, weil wir ab dann endlich keine Protokolle mehr handschriftlich abgeben müssen. Ansonsten gab es noch die Auswertung von Hand, wobei die Datenmengen nicht so groß waren, dass dies unmöglich wird. Aber irgendwann kommen solche schönen Auswertungswerkzeuge wie Ausgleichsgeraden oder andere Graphen basierend auf den Messdaten dazu, so was wie Konzentrationsverläufe zum Beispiel. Wir schubsen im Grunde genommen Messdaten durch die Gegend und für viele ist es nun einmal die einfachste Art und Weise der Auswertung mit Excel, was nicht zuletzt daran liegt, dass für Chemie-Studierende extra Excel-Kurse im zweiten Semester angeboten werden. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht so wirklich sicher, ob es sich dabei um die "symbolische Programmiersprache" handelt, die in unserem Stundenplan für das dritte Semester mit unten dabei steht oder ob das der Maple-Kurs sein soll. Denn wir hatten auch mit Maple Kontakt und damit sind auch gewisse Formen der Auswertung möglich. Nur bestand der Maple-Kurs darin, dass eine verantwortliche Person anwesend war und wir Fragen stellen konnten, aber wirkliche Syntax oder so was erklären war da nicht dabei. Quasi ein Kurs, in dem wir uns selbst Maple beibringen durften und statt Stackoverflow oder ähnlichen Seiten eine Person vor uns hatten. Das ist nicht unbedingt, das Bild, das ich von einem Kurs habe. Aber das führte dann dazu, dass Maple als potentielle Methode in den Hintergrund geraten ist.
Gleichzeitig gab es im zweiten Semester ein Physik-Praktikum und dort wurde beim Auswerten vor Ort unter anderem auf Qtiplot, was bis zu einer bestimmten Version auch Open Source ist. Die Software, die dazu recht ähnlich ist und niemals Open Source war, ist Origin. Dieses Tool läuft bedauerlicherweise sowieso nur unter Windows, ist für mich also aus mehreren Gründen keine Option. Ansonsten gibt es in diesem Bereich unglaublich viele Tools zur Auswertung von Daten. Sei es LabPlot, SciDAVis, Gnuplot, Scilab, Python mit matplotlib, ich glaube, es existiert eine gewisse Auswahl, je nach Richtung, in die gegangen werden will. Jedenfalls wurde mir dort auch von einem Betreuer Qtiplot empfohlen und so habe ich mir das statt Excel genauer angeschaut.

Im dritten Semester lernte ich dann auch aufgrund einer Python-Kurses mit dieser Programmiersprache umzugehen und entdeckte matplotlib, wobei ich gerade sowieso einen stärkeren Blick auf Datenanalyse mit Python werfe, aber für alles, was ich getan habe, war Qtiplot vollkommen ausreichend. Dazu kommt, dass es einen LaTeX-Output hat. Ich beschäftige mich seit meinem zweiten Semester mit LaTeX und nachdem die Protokolle im 3. Semester endlich nicht mehr handschriftlich gemacht werden mussten, war das sehr praktisch. Das hat soweit auch gut funktioniert, auf diese Art und Weise Excel auszuweichen, immerhin bin ich mit LaTeX auch Word sehr gut entkommen und beobachtete gelegentlich die Formatierungsprobleme meiner Mitstudierenden mit dem Microsoft Office-Paket.

Das ging auch bis auf eine Ausnahme sehr gut. Irgendwann stand der Versuch in der Radioanalytik an. Meine Partnerin aus dem Praktikum in der physikalischen Chemie hat das in der Analytik nicht mitgemacht. Die erste Aussage des zuständigen Betreuers war, dass ich dann doch das Praktikum alleine machen soll. Das fand ich ehrlich gesagt schon problematisch, weil das Praktikum eigentlich darauf ausgelegt ist, das zu zweit zu machen und die entsprechenden ECTS ja auch so berechnet sind. Letztlich ist es darauf hinaus gelaufen, dass ich im Laufe des Praktikums selbst einen Partner bekam, der bisher alleine war, aber weil nicht jede Person zu jeder Zeit gleichzeitig denselben Versuch hat, hatte er Versuche gemacht, die ich noch nicht gemacht habe und umgekehrt. Ich hatte dann die Ehre, mich um all die Termine zu kümmern und die zu organisieren, die ich noch nicht hatte und hatte dann irgendwann gegen Ende des Praktikums meine beiden Versuche in der Radioanalytik. Bei einem Versuch war ich alleine mit dem zuständigen Verantwortlichen für die Radioanalytik, beim zweiten Versuch war ein anderer Studierender da, der mit mir den Versuch parallel machte.
Ich hatte meinen eigenen Laptop nicht dabei. Ich habe mit (schwach) radioaktiven Substanzen gearbeitet und als wären normale Labore nicht schon irgendwie gefährlich genug für Laptops, wenn sie nicht gerade in Sicherheit gelegt werden, wollte ich auf jeden Fall der Gefahr entgehen, meinen Laptop irgendwie zu kontaminieren. Allerdings hatte ich meinen USB-Stick dabei, um mir die benötigten Daten dann mitzunehmen. Tja, der Verantwortliche der Radioanalytik bestand darauf, dass ich direkt mit der Datenauswertung beginne und auf den dortigen Computern war natürlich nur Excel installiert. Also habe ich mich dadurch gequält und weil ich ehrlich gesagt ziemlich wenig Lust hatte, mir selbst alles zusammenzusuchen, habe ich auch nachgefragt, wie was geht. Ich erntete ein ungläubiges Gesicht, vermutlich, weil ich nicht mit Excel umgehen konnte. Daraus entwickelte sich auch ein kleiner Dialog: "Wissen Sie, Excel ist in der Chemie praktisch bis notwendig." - "Ich nutze kein Excel." - "Das sollten Sie sich aber wirklich überlegen." - "Ich kann Python und arbeite mit Qtiplot." - "Excel kann aber große Datenmengen verarbeiten." - "Python ist eine Programmiersprache. Damit kann ich auch sehr große Datenmengen verarbeiten." - "Oh, okay."
Letztlich quälte ich mich also viel zu lange mit irgendwelchen Auswertungen rum, nur um sie später in deutlich kürzerer Zeit nochmal selbst auf meinem Laptop zu machen, nachdem ich mir die Rohdaten mitgenommen habe. Ich glaube ehrlich gesagt, nach dieser Erfahrung würde ich in diesem Labor ne Python- und Qtiplot-Installation auf einem USB-Stick mitnehmen und wenn das nicht okay ist, das auf den Windows-Computern (ich habe übrigens verdrängt, ob es was Aktuelles oder das standardmäßie XP war) zu installieren, wäre ein zweiter USB-Stick, um von einem Linux-System aus zu booten, bestimmt eine Idee. Beim Protokoll bekam ich dann zu meinem Graphen (Qtiplot in LaTeX importiert) ein "Das ist nicht Excel, aber es sieht auch gut aus!" zu hören.
Was mir diese Erfahrung jedensfalls gezeigt hat, ist, dass Excel, Word und Microsoft Office viel zu wenig hinterfragt werden, Alternativen sehr kritisch beäugt werden und performen müssen, bevor jemand glaubt, dass es eine tatsächliche Alternative sein kann. Gerade im Bereich der Chemie sehe ich aus meiner persönlichen Erfahrung noch eine gewisse Skepsis zu Alternativen, die von ein paar IT-affineren Menschen aufgebrochen wird.

Insgesamt ist Excel also alles andere als ein Muss, wenn der Wille zur Suche nach Alternativen da ist. Es gibt viel zu lernen, viel anzuschauen, viel zu nutzen, um Auswertungen durchzuführen. Ich behaupte an der Stelle, dass Excel (und ganz Microsoft Office) nicht für jede Person das Ideal ist. Alternativen sind wichtig, auch zur Weiterentwicklung.